Mit dem Navi in Richtung Unfall

Mit dem Navi in Richtung Unfall

Immer mehr Navigationsgeräte sind im Einsatz. Eine Folge: Die Zahl der Abbiegeunfälle ist stark gestiegen.

Düsseldorf. Weit mehr als eine halbe Million Fahrzeuge sind an jedem Werktag in der Innenstadt unterwegs. Immer mehr davon sind mit einem Navi ausgerüstet, die Fahrer orientieren sich nicht an den Schildern, sondern folgen den Anweisungen der elektronischen Orientierungshilfe.

Das bleibt nicht ohne Folgen — positiven wie negativen. Auf der einen Seite verteilt sich das Verkehrsaufkommen womöglich besser über das gesamte Netz. Auf der anderen Seite registrieren Rheinbahn und Polizei immer mehr Unfälle, die sich nur ereignet haben, weil die Fahrer den Anweisungen der Maschine folgten.

Erst unlängst machten Meldungen mit der Überschrift „Navi macht dumm“ die Runde. Angeblich haben Wissenschaftler herausgefunden, dass der regelmäßige Gebrauch des elektronischen Helferleins das Orientierungsvermögen des Gehirns verkümmern lasse. Tatsache ist, dass es immer wieder Unfälle gibt, die sich deshalb ereigneten, weil die Fahrer blind den Anweisungen aus dem Automaten folgten. Wie viele das sind, darüber führt die Polizei allerdings keine Statistik.

Dafür zählt die Rheinbahn, wie oft ihre Straßenbahnen von falsch abbiegenden Autos gerammt werden. 2009 gab es demnach 14 Unfälle, bei denen Autofahrer verbotswidrig links abbiegen wollten. 2010 waren es 24 — und in diesem Jahr schon 37. Für Rheinbahn-Sprecher Eckhard Lander ist dies ein Indiz dafür, „dass Fahrer blind den Ansagen ihrer Navigationsgeräte folgen oder, deren Vorgaben missverstehend, zu früh links abbiegen“.

Dazu passt, dass auch die Zahl der Abbiege- und Wendeunfälle insgesamt stark angestiegen ist — laut Polizeistatistik von 1594 im Jahr 2007 auf 2226 im Jahr 2010. „Mein Navi hat gesagt, ich soll hier abbiegen“ — das ist eine Erklärung, die die Polizei dabei immer wieder hört. Sprecherin Susanna Heusgen: „Die Menschen verlassen sich zu sehr auf die Technik und achten nicht mehr auf eine durchgezogene Linie.“ Das gelte besonders für ortsfremde Autofahrer. Im schlimmsten Fall komme es gar vor, dass Menschen zu Falschfahrern auf Schnellstraße werden.

Aber es gibt auch positive Effekte. Dank der Geräte verteilen sich die Autos wohl besser auf die 1200 Kilometer Straße in Düsseldorf. Zwar gibt es keine gesicherten Erkenntnisse darüber, doch lassen sich über die Jahre Änderungen beobachten.

Ein Beispiel ist die Martinstraße in Bilk: Über viele Jahre ging es dort gemächlich zu. Es gab vor allem Anwohnerverkehr, es gilt noch immer Tempo 30. Doch seit einigen Jahren hat sich das Verkehrsaufkommen stark erhöht: Im Berufsverkehr fahren die Autos dicht an dicht. Je nach Lage bilden sich auch Rückstaus.

Möglicher Grund: Wer von A 46 über den Südring kommt, fährt über Fleher- und Martinstraße auf kürzerer Route nach Unterbilk als über die Völklinger Straße. „Es kommt sicher vor, dass das Navi Routen vorschlägt, auf die ich sonst selber nicht gekommen wäre“, sagt ADAC-Sprecherin Jacqueline Grünewald. Inwiefern sich der Verkehr durch diesen Effekt verflüssige, könne aber keiner sagen, weil die Daten nicht erfasst werden.

Sicher ist, dass die Navis oft in die Irre führen. Beispiel Interimsstraße am Hofgarten: Nach der Eröffnung bekamen viele Autofahrer auf dem Weg zur Altstadt den Tipp: „Bitte links abbiegen“, weil die Straße im Navi nicht vorhanden war. Ergebnis: „Viele Fahrer verirren sich auf dem Parkplatz vor dem Steigenberger Parkhotel, statt weiter zu fahren“, berichtet Andrea Blome vom Verkehrsamt. Sie plädiert dafür, die Maschine öfter mal aus zu lassen: „Uns ist es lieber, die Menschen orientieren sich an den Schildern.“

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