Mahnwache vor Landtag: Weltverbesserung in kleinster Dosis

Seit Wochen campen einzelne Idealisten vor dem Parlament. Ihre Ziele sind honorig bis fragwürdig.

Mahnwache vor Landtag: Weltverbesserung in kleinster Dosis
Foto: Lepke/Michaelis

Düsseldorf. Sie sind gegen die aktuelle Weltordnung im Allgemeinen, gegen Fracking im Großen und gegen das Jugendamt im Besonderen — seit Wochen sitzen einzelne Demonstranten vor dem Landtag und halten Mahnwache. Ihr Anliegen: Sie wollen, dass sich etwas ändert. Und zwar zum Besseren. Die Frage ist bloß, ob das, was sie für das Bessere halten, auch wirklich besser ist.

Mahnwache vor Landtag: Weltverbesserung in kleinster Dosis
Foto: Lepke/Michaelis

Ein fast schon skurriles Bild bietet sich derzeit den Passanten am Parlament: Zwischen Promenade und großer Wiese hängt jenes rot-weiße Flatterband, das bei Demonstrationen die Bannmeile markiert. Aber von Protestanten ist weit und breit nichts zu sehen. Bloß zwei Zelte. Eines näher am Apollo, das andere näher am Rheinturm. Das sollen Demos sein?

Gerade regnet es in Strömen, aber das stört die beiden jungen Demonstranten im Zelt nahe des Rheinturms — nennen wir es Zelt 1 — nicht. Sie haben schließlich ein Anliegen. „Wir wollen eine ganz neue Weltordnung“, erklärt der 25-jährige Schlosser. „Eine ohne Krieg, ohne Massentierhaltung und ohne Markenkonsum“, sagt er.

Seine dicke North-Face-Jacke ist bereits durchnässt, aber das macht ihm nichts aus. Der junge Mann hat sich von seinem Job sogar ein paar Tage freigenommen, um die insgesamt acht Aktivisten im Kampf um den Weltfrieden zu unterstützen, die sich im Demo-Zelt — es firmiert als Mahnwache — abwechseln. Mit dabei ist auch seine Freundin. Im richtigen Leben ist die Düsseldorferin Eventmanagerin, auch sie hat sich für die Verbesserung der Welt freigenommen.

Stolz präsentiert die 26-Jährige die Regeln ihres Zeltes: „Hier herrscht Frieden, wir leben vegan und sind gegen Waffenlieferungen aus Deutschland — und gegen Umweltverschmutzung natürlich.“ Also gegen alles, was die Welt so schlecht mache. Zahlreiche, leere Plastikflaschen lassen vermuten, dass die beiden hier schon länger sitzen.

Genau genommen gibt es die Mahnwache seit dem 20. September. Da zogen mehrere hundert Aktivisten bei einem „Marsch auf den Landtag“ quer durch die Stadt zur Bannmeile — angekündigt waren 30 000. Bei der zugehörigen Facebook-Gruppe wird nicht nur deshalb diskutiert, ob die Veranstalter leicht weltfremd seien. Die Organisation dahinter heißt „WIR!“ und organisiert seit einigen Monaten so genannte „Montagsdemos“ — mal am Hauptbahnhof, mal am Rathaus. Das gute Dutzend Menschen, das sich dabei versammelt, lauscht Rednern, die den Weltfrieden mit ebenso viel Inbrunst formulieren wie krude Verschwörungstheorien.

Seit der Demo gibt es nun also die Mahnwache am Landtag. Und die Aktivisten haben sich dort fast so häuslich eingerichtet, wie weiland die Occupy-Gruppe an der Johanneskirche. Tatsächlich tauchen im Dunstkreis von „WIR!“ auch Guy-Fawkes-Masken auf. Am Landtag sprechen die Demonstranten Passanten an, verteilen Flyer und kochen Suppe. Passend zum Regenwetter haben sie eine Wassersammelstelle, außerdem herrscht im Zelt Zuckerverbot. Viele Spaziergänger bleiben auch tatsächlich stehen, fangen ein Gespräch an oder spenden sogar etwas. „Wir haben mal eine Dose Ravioli bekommen“, sagt die 26-Jährige.

Rund 100 Meter weiter steht Zelt 2. „Reform der Jugendämter“, steht als Forderung in dicken, roten Lettern hinten am Zelt — und: „Wir geben Hoffnung.“ Hinter diesem Sitzprotest, der sich gegen das Jugendamt richtet, steckt eine ganze Initiative. „Hoffnungsstern e.V.“ setzt sich für Eltern ein, denen Kinder vom Jugendamt weggenommen worden sind.

So wie Sabine S.: Ihr Sohn wurde ihr weggenommen, weil er nicht mehr zur Schule gegangen ist. „Aber er wurde dort gemobbt und er hat Asthma“, rechtfertigt sie das. Mit ihr kämpft auch ein Mann, dessen zwölfjährige Tochter von einem Jugendamtsmitarbeiter belästigt worden sein soll. Daraufhin sei ihm selbst Belästigung von Kindern vorgeworfen worden, und zwar ausgerechnet auf dem Spielplatz, wo seine Tochter immer spiele. „In beiden Fällen kämpfen wir gegen das Jugendamt“, sagt Kam Il Altay, Sprecher der Initiative.

Beide Demo-Zelte sollen mindestens bis Ende des Monats vor dem Landtag bleiben.

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