Männer sollen wieder selbstbewusster werden

Männer sollen wieder selbstbewusster werden

Große Resonanz beim weltweit ersten Männerkongress. Experten diskutieren, wie man dem „schwachen“ Geschlecht helfen kann.

Düsseldorf. "Männer sind oft hilflos, wenn sie eine körperliche Erkrankung verarbeiten müssen. Ich spüre das oft, wenn ich mit Krebspatienten arbeite. Da gibt es bei den Geschlechtern große Unterschiede", sagt die Bonner Psychotherapeutin Jutta Beckerle. Sie ist am Samstag eine von 400 Teilnehmern beim ersten Männerkongress an der Heine-Uni. "Viel Neues habe ich bislang noch nicht erfahren, aber es ist wichtig, dass es den Kongress gibt. Männer müssen endlich aus der Deckung kommen und selbstbewusster werden. Davon haben auch wir Frauen was."

Warum viele Männer ihr Selbstbewusstsein verloren haben, erklärt Professor Walter Hollstein, Mitbegründer der Internationalen Arbeitsgemeinschaft für Männerforschung in seinem Vortrag. Ursache sei weniger der radikale Feminismus der 70er und 80er Jahre als vielmehr die Industrialisierung und die Bürokratisierung der Gesellschaft. "Denn damit hat sich der Mann selbst die Möglichkeit genommen, sein Leben und seine Arbeit eigenständig zu gestalten", sagt der Experte.

Er rügt aber auch die öffentliche Wahrnehmung des Mannes, die zwischen Monster und Trottel liege. "Wenn über die Männerquote bei den Topmanagern gesprochen wird, verstehe ich nicht, warum man das nicht auch bei den meist männlichen Hilfskräften am unteren Ende der Hierarchie tut", fordert Hollstein, was nicht bei jedem im Hörsaal gut ankommt.

Während drinnen die Theorie der Forschung präsentiert wird, diskutieren die Teilnehmer draußen ihre praktischen Erfahrungen. So auch Andreas Normann, der als Atemsprech- und Stimmlehrer in einer logopädischen Praxis arbeitet. "Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Störungen bei Mädchen oft weniger schwerwiegend und komplex sind als bei Jungen. Da weiß man oft gar nicht, womit man beginnen soll", sagt der Düsseldorfer.

Jungen und Männer seien oft orientierungslos, wenn es darum gehe, die Balance zwischen Kuschelbären und durchsetzungsfähigen Wesen zu finden. "Der Bedarf nach Lösungen und Perspektiven ist sehr groß, deshalb ist es gut, das es diesen Kongress gibt", sagt Normann.

Das sieht auch der Gestaltungstherapeut Wolfgang Nötzhold so: "Ich bin ein Mann, der von der Frauenbewegung geprägt worden ist. Jetzt finde ich gut, dass es mich wieder geben darf. Die Gesellschaft hat die Männer aus dem Blickfeld verloren." Das sei aber nicht gegen die Frauen gerichtet, betont er.

Aus einem ganz anderen Bereich kommt Hajo Ehlers, der bei der Evangelischen Landeskirche im Referat Männerarbeit tätig ist. "Ich finde es wichtig, dass arbeitsuchende Männer auch offen sind für frauenspezifische Berufe, etwa im Erziehungsbereich", sagt er. Es sei wichtig, diesen Bereich ausgewogener zu besetzen, um Jungen in Schulen und Kindergärten zu fördern.

Kritisch diskutiert werden im Foyer die Thesen von Professor Gerhard Amendt, der in seiner Bremer Scheidungsstudie zu dem Schluss gekommen ist, dass die klassische Täter- und Opferrolle bei Gewalt in einer Beziehung so nicht mehr zu halten ist, da Gewalt von beiden Geschlechtern gleichermaßen ausgehe. Ein Umdenken fordert Amendt auch beim Umgangs- und Sorgerecht zugunsten der Väter und ihrer Kinder.

Mehr von Westdeutsche Zeitung