Rückblick: Zehn Jahre — zehn Geschichten aus dem Düsseldorfer Sport

Relegation, Winter Game und Tour de France : Zehn Jahre — zehn Düsseldorfer Sportgeschichten

Heute endet für den Sport in der Landeshauptstadt ein aufregendes Jahrzehnt. Die Sportredaktion der Düsseldorfer WZ blickt auf die Höhepunkte zurück.

20. Mai 2011: Die Metro verkündet ihr Ende bei der Düsseldorfer EG

Je nachdem, wen man fragt, war es Fluch oder Segen, Abschied von Meisterträumen oder Rückkehr zu den Wurzeln — das Ende der Metrozeit bei der DEG. Zehn Jahre lang hatte der Weltkonzern dem Eishockeyverein nicht nur (zum Leidwesen der Fans) den Namen „DEG Metrostars“ gegeben, sondern auch kräftig investiert. Eine Meisterschaft sprang trotzdem nicht dabei heraus. 2012 war Schluss, und die Zukunft hing am seidenen Faden. Nur durch Retter-Pakete, Sondertrikots und ein Konzert der Toten Hosen, städtische Unterstützung und das Geld von Gesellschafter Peter Hoberg überlebte der Klub. Sportlich war das selten ein Vergnügen, in den ersten beiden Jahren ohne die Metro wurde die DEG abgeschlagen Letzte. Danach ging es langsam bergauf, doch nur eine gewonnene Play-off-Serie in sieben Jahren zeigt deutlich, was aus der DEG geworden ist: ein Mittelklasseteam. Trotzdem sind die Fans wieder zurück, Eishockey in Düsseldorf lebt. Doch der Verein spürt bis heute die Nachwehen der Metrozeit, große Sponsoren sind rar. Ohne die Hilfe von Gesellschafter Stephan Hoberg wäre die DEG kaum überlebensfähig.

15. Mai 2012: Das Relegationsspiel der Fortuna gegen Hertha BSC

Alles war bereit zum Jubeln, 2:2 stand es kurz vor Schluss des Relegationsrückspiels zwischen der Fortuna und Hertha BSC, die Rückkehr in die Bundesliga nach 15 Jahren schien nah. Doch dann: ein vermeintlicher Abpfiff, ein Platzsturm, Chaos — ein Fan klaute gar den Elfmeterpunkt. Es folgte eine absurde Debatte über Gewalt (obwohl es keine Gewalt gegeben hatte) und Pyrotechnik (die gab es zu sehen, und wie!) beim Fußball. Bundesweit beherrschte das Spiel die Schlagzeilen. Hertha-Trainer Otto Rehagel erzählte vom Zweiten Weltkrieg („Halbangst“), die ARD sendete einen Brennpunkt, TV-Moderator Johannes B. Kerner zündete mit einem bengalischen Feuer eine Menschen-Attrappe an („Dann steht das Kind in Flammen!“). Hertha legte Protest gegen die Spielwertung ein, im Prozess wurde aus Halbangst Todesangst, doch am Ende hatte es Bestand. Die Fortuna war zurück in der Bundesliga. Und wie!

Rückkehr auf die große Bühne: 2015 spielt die DEG vor 51 125 Zuschauern gegen die Haie. Europaprekord. Foto: picture alliance / dpa/Kevin Kurek

10. Januar 2015: DEG siegt im Winter Game gegen Köln

„Wir waren von der Stadt abgekapselt“, hat Christof Kreutzer mal gesagt. Und meinte die Metrozeit der DEG. Danach wurde sie wieder nahbarer, doch sportlich lief zunächst nichts. Erst mit dem Winter Game, dem großen Spektakel in der Arena vor 51 125 Fans, kehrte die DEG nach Jahren der Tristesse in die sportliche Bedeutsamkeit der Deutschen Eishockey Liga zurück. Und in die Köpfe der Düsseldorfer. Das lag auch an Trainer Christof Kreutzer — der in der Arena mit College-Jacke und Hut modische Akzente setzte — und seinem Kapitän und Bruder Daniel. Die Urgesteine, als Kinder der Stadiongastronem an der Brehmstraße aufgewachsen, führten den stolzen Verein wieder nach vorne. Sichtbarstes Zeichen: das Winter Game. Beim Europarekord für ein Eishockey-Ligaspiel besiegte die DEG den Erzrivalen aus Köln 3:2. Fast noch bedeutsamer war die Rückkehr zahlreicher Legenden wie Uli Hiemer, Rick Amann oder Peter-John Lee, die ein Einlagespiel absolvierten. Ein Ausflug in die gute, alte Zeit — und ein Aufbruch in die Zukunft.

2015 verliert Box-Weltmeister Wladimir Klitschko (l.) in Düsseldorf seine vier Titel gegen Tyson Fury. Foto: picture alliance / dpa/Rolf Vennenbernd

28. November 2015: Tyson Fury entthront Wladimir Klitschko

Gareth A. Davis war ganz durch den Wind. Seit Wochen hatte der Box-Experte des „Daily Telegraph“ Tyson Fury begleitet. Daheim, auf Reisen, natürlich auch nach Düsseldorf, wo der große Kampf gegen den seit elf Jahren unbesiegten Wladimir Klitschko vor knapp 50 000 Fans in der Arena stieg. Und nun hatte Fury für eine größten Sensationen der Box-Historie gesorgt. England hatte wieder einen Champion im Schwergewicht. Woraufhin Furys Vater noch im Ring alle britischen Reporter beschimpfte, die nicht an seinen Sohn geglaubt hatten. Davis wusste gar nicht, wie ihm geschieht: „Auch ich wusste nicht, wie weit er schon ist. Niemand wusste das“, rechtfertigte er sich. Furys Qualitäten fanden sich aber nicht nur im Ring, tagelang beherrschte er die Schlagzeilen, ein Exzentriker im Grenzbereich zum Lächerlichen. Ständig beledigte er den stets höflichen Klitschko. Schon früher hatte er Gegner als Teufel bezeichnet, er dagegen sei von Gott auserwählt. Im Ring schlug er Klitschko auch mal auf den Rücken oder den Hinterkopf. Dann ließ er einfach die Deckung unten, um ihn lächerlich zu machen. Hinterher sang er seiner Frau über das Stadionmikrofon eins Ständchen. Nicht nur für Gareth A. Davis ein unvergesslicher Box-Abend.

1. Februar 2017: Das „PSD Bank Meeting“ gehört zur World Tour

Auf heimische Weltklasse-Leichtathleten wartet Düsseldorf seit Sabine Evertz, Sabine Braun, Ralf Jaoros und vielleicht noch Peter Bouschen vergeblich. Die Jugendarbeit vor Ort funktioniert, stand in diesem Jahrzehnt sogar mal an der deutschen Spitze, bis die Besten dem Ruf aus Leverkusen folgten. Doch um Topathleten zu sehen, bedarf es keiner großen Wege. Jedes Jahr im Februar kommen internationale Stars in die Leichtathletikhalle an der Arena, seit 2017 gehört das Meeting als Teil der World Indoor Tour auch offiziell zu den renommiertesten Events der Welt. Das Schöne: Die sonst oft beobachtete Zurückhaltung auf den Rängen durch Eventfans gibt es beim „PSD Bank Meeting“ nicht. Die Stimmung sucht ihresgleichen — und ist für viele Stars Motivation, immer wieder nach Düsseldorf zu kommen und starke Leistungen zu zeigen. Olympiasieger und Weltmeister erinnern an die großen Zeiten der Leichtathletik im Rheinstadion, wo 1977 der Weltcup stieg.

9. Februar 2017: Die Gründung des Handballklubs Rhein Vikings

Das Podium war so groß wie die Pläne. Als der ART Düsseldorf und der Neusser HV ihre Handball-Kooperation der Öffentlichkeit vorstellten, waren selbst die Bürgermeister vor Ort. Und der aus Düsseldorf, Thomas Geisel, träumte sogleich von der Bundesliga, von Spielen in Dome und Arena. Düsseldorf wollte nach gescheiterten Projekten wie HSG oder HSV auf die große Handball-Bühne zurückkehren. Zweieinhalb Jahre später war alles vorbei. Weil der Zweitligist von Beginn an über seine Verhältnisse lebte, schlecht gemanagt wurde, kaum Fans anlockte und im zweiten Jahr sportlich abstürzte. Begleitet von einer öffentlichen Schlammschlacht mit Klagen und Vorwürfen. Für Spitzenhandball in Düsseldorf sorgt nun der Bergische HC, der für einige Topspiele vorbeikommt, zudem steigt in der Arena 2024 das Eröffnungsspiel der EM. Was nichts daran ändert, dass die Vikings ein düsteres Kapitel der Düsseldorfer Sportgeschichte sind. Eines, in das eine siebenstellige Summe öffentlicher oder zumindest halböffentlicher Gelder geflossen ist. Und das wohl der letzte Versuch war, einen eigenen Profiklub zu etablieren.

Die Stars des Radsports auf dem Burgplatz: 2017 startete die Tour de France in Düsseldorf. Foto: picture alliance / Daniel Karman/Daniel Karmann

1. Juli 2017: Der Grand Départ der Tour de France in Düsseldorf

Die 104. Tour de France begann in Düsseldorf. Mit einem 14 Kilometer langen Einzelzeitfahren machten sich 198 Fahrer über 21 Etappen und 3540 Kilometer auf den beschwerlichen Weg nach Paris. Zehntausende feierten am Rande der Strecke den Grand Départ, trotz strömenden Regens. Der Jubel über das Ausrichten des Großereignisses überlagerte jedwede Doping-Debatte, doch im Nachhinein hat der Tour-Start weniger Werbewirkung als Diskussionen geliefert. Statt des im Vorfeld abgesegneten Minus von 4,9 Millionen Euro fehlen am Ende 7,8 Millionen. Der Streit über die Kosten überlagert das, was sich die Stadtführung versprach und was jenes Wochenende Düsseldorf nur kurz bescherte: Begeisterung und überregionale Aufmerksamkeit.

26. Mai 2018: Borussia Düsseldorf holt das Triple

Rund ein Jahr nach der Weltmeisterschaft in der Messe, die Düsseldorf weltweit und insbesondere im Tischtennis-Land China in den Fokus rückte, schrieb Borussia Düsseldorf Geschichte. Zum dritten Mal nach 2010 und 2011 holte das Team um Superstar Timo Boll das Triple aus Meisterschaft, Pokalsieg und Champions-League-Titel. Mit einem 3:1 in Frankfurt gegen Ochsenhausen im Bundesliga-Finale krönten Boll, Kristian Karlsson, Stefan Fegerl und Anton Källberg eins der erfolgreichsten Jahre des Rekordmeisters. Insgesamt sammelte die Borussia in diesem Jahrzehnt 20 Titel. Vor allem die nationale Konkurrenz scheint ratlos. Doch 2019 folgte ein untypisches Jahr, das ohne Trophäe für die gut gefüllten Vitrinen am Staufenplatz endete.

29. April 2018: Die Fortuna kehrt in die Bundesliga zurück

Es war weder Titelgewinn noch Endspiel, und dennoch erlebte die Fortuna in Dresden einen Moment für die Ewigkeit, als Rouwen Hennings einen Freudentaumel in Rot und Weiß auslöste. Oliver Fink, der in der Fankurve gemeinsam mit dem ebenfalls verletzten Andre Hoffmann das Spiel beobachtet hatte, lag wildfremden Menschen in den Armen, die Tränen vor Glück in den Augen hatten. Der Bundesliga-Aufstieg war durch ein Tor geschafft, mit dem niemand mehr gerechnet hatte. Selbst der Torschütze erklärte, dass er in der Nachspielzeit mehr aus Verzweiflung, denn aus Berechnung abgezogen hatte. Die Feier der Mannschaft mit Trainern und Betreuern nach dem 2:1-Sieg war so ausgelassen, so spontan, so wenig aufgesetzt, dass sich alle, die in Dresden waren, gern daran erinnern. Zum ersten und wohl einzigen Mal stand Friedhelm Funkel auf dem Zaun und ließ sich feiern. Wie das Altbier in die Fortuna-Kabine kam und den Trainer später auf der Presse-Konferenz durchtränkte, ist allerdings eine andere Geschichte.

11. Januar 2019: Die Marbella-Posse um Fortuna-Trainer Funkel

Wer sich bei einem Fortuna-Fan erkundigt, an was er sich in der Bundesliga-Saison 2018/19 vor allem erinnert, wird unterschiedliche Antworten erhalten. Den größten Spaß hatten die Anhänger des Aufsteigers daran, Dodi Lukebakio in München zu sehen. Drei Tore erzielte der Belgier und sorgte damit für ein ebenso unerwartetes wie begeisterndes 3:3 beim Rekordmeister. Andere erinnern sich an Siege gegen Dortmund, Schalke oder Gladbach. Und dennoch: Für die Geschichte der Saison sorgten Robert Schäfer und Robert Palikuca, die sich im Januar auf „geschmeidige Weise“ Trainer Friedhelm Funkel entledigen wollten. Selten haben im deutschen Fußball Fans für eine so große Protestwelle in so kurzer Zeit gesorgt. Der Verein ruderte zurück, am Ende der bundesweit belächelten Posse blieb Funkel, Schäfer und Palikuca mussten gehen.