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Düsseldorf: Jugendfußball: Der große Sturm auf die Fußballvereine

Düsseldorf : Jugendfußball: Der große Sturm auf die Fußballvereine

Der Fußball-Boom nimmt kein Ende. Manche Vereine haben schon Wartelisten. Zudem mangelt es an Trainern und Ehrenamtlern.

Düsseldorf. Wer sich an einem Nachmittag unter der Woche einer Düsseldorfer Sportanlage nähert, kann das Gewusel meist schon aus der Ferne beobachten, zumindest aber hören. Der Jugendfußball hat selten unter fehlendem Nachwuchs gelitten, aber seit einigen Jahren werden die Clubs regelrecht überrannt. Vorbei sind die Zeiten, als Stadtteilvereine pro Altersklasse eine oder maximal zwei Mannschaften stellten. Mittlerweile gelten drei oder vier als normal.

Sakis Lekamonidis weiß das nur zu gut. Lekamonidis ist einer von zwei Jugendleitern beim SC West aus Oberkassel und betreut eine Abteilung mit mehr als 500 Mitgliedern. Mindestens 15 Stunden ehrenamtliche Arbeit investiert er jede Woche. Allein in den unteren drei Altersklassen für Sechs-bis Zehnjährige — Bambini, F- und E-Jugend — gibt es an der Schorlemer Straße 18 Mannschaften. Und trotzdem muss er immer wieder Eltern absagen, die ihre Kinder gern anmelden würden. „Wenn eine Mannschaft 26 Kinder hat, wird man denen nicht gerecht“, sagt Lekamonidis. Ein vernünftiges Training sei kaum möglich, dass am Wochenende, wenn die Meisterschaftsspiele anstehen, alle zum Einsatz kommen, erst recht nicht. Deshalb begegnen einem auf der Homepage des Vereins immer wieder diese beiden Sätze: „Derzeit sind leider keine Plätze mehr in der Mannschaft frei. Bitte setzen Sie sich mit dem zuständigen Trainer in Verbindung, um Ihr Kind auf eine Warteliste setzen zu lassen.“

Der SC West ist kein Einzelfall. Im Fußballkreis Düsseldorf gibt es aktuell rund 670 Jugend-Teams mit durchschnittlich 15 Spielern. Vor allem bei den Kindern. Während es in höheren Altersklassen abnimmt und viele Vereine keine B- (U 16/17) oder A-Jugend (U 18/19) mehr haben, weil die meisten Spieler in der Pubertät aufhören, platzen die Kinder- Teams auf allen Nähten. Mehrere Vereine haben einen Aufnahmestopp verhängt.

Trotzdem geht es den Düsseldorfern im Verhältnis zu anderen Großstädtern noch relativ gut. Nicht jeder Verein hat die Probleme. Anders sieht das beispielsweise bei Hertha Zehlendorf aus Berlin aus. Wie der „Spiegel“ berichtet, gibt es dort mittlerweile eine eigene Abteilung für die Kinder, die keinen Platz mehr in normalen Mannschaften, die am Meisterschaftsbetrieb teilnehmen, finden. Und selbst die neue Abteilung kann kaum noch Zuwachs verkraften. In Hamburg oder München sieht es ähnlich aus.

Die Gründe dafür sind vielschichtig. Der generelle Fußballboom seit der Heim-WM 2006, der Erfolg der Nationalmannschaft, die Überpräsenz des Fußballs in den Medien, die gestiegene Anzahl an Mädchen, die heute lieber kicken als turnen, das Bevölkerungswachstum in den Städten.

„Überall dort, wo neue Wohngebiete entstanden sind und junge Familien mit Kindern wohnen, können sich die Vereine kaum vor Anmeldungen retten“, sagt Helmut Röder, Vorsitzender des Jugendausschusses beim Fußballkreis, der das besonders im Norden, in Lohausen (siehe Interview) und Kalkum, beobachtet, aber auch bei den klassischen Großvereinen aus Unterrath, Eller oder Gerresheim. Dass nachmittags bis zu vier Jugend-Teams gleichzeitig trainieren und sich einen Platz teilen müssen, sei keine Seltenheit. „Es gibt Vereine, die haben zwei oder drei Plätze, und trotzdem haben die zu viele Mannschaften“, sagt Bernd Biermann, Vorsitzender des Fußballkreises.

Auch bei der DJK Tusa 06 kennen sie das. Im dritten Jahr in Folge werden an der Fleher Straße nun Wartelisten geführt — obwohl der Verein zwei Plätze und 24 Jugend-Teams beheimatet, die meisten in Düsseldorf. „Wir sind stolz darauf, dass wir so beliebt sind, aber das ist natürlich eine Hausnummer“, sagt Anke Teraa, Geschäftsführerin der Abteilung. 580 Kinder und Jugendliche kicken bei der Tusa, rund 50 weitere stehen jedes Jahr auf der Warteliste.

Zumal immer mehr Kleinkinder angemeldet werden. „Wir beobachten, dass manche Eltern die Kinder viel früher zu uns schicken wollen“, sagt Teraa. Es sei schon vorgekommen, dass Zweijährige auf die Warteliste gesetzt werden, um in ein paar Jahren einen sicheren Platz zu haben. Das Problem ist allerdings: Die wenigsten Eltern wollten selbst etwas im Verein tun, nicht als Trainer, erst recht nicht in der Verwaltung, die immer umfangreicher wird. Aber da macht die Tusa nicht mehr mit. „Wir sind keine Babysitter. Wir erwarten von den Eltern, dass sie sich einbringen.“ Deswegen gibt es vor jeder Saison nun Eltern-Abende. „Wir haben eine Art Checkliste erstellt und verlangen einen fairen und respektvollen Umgang sowie aktive Unterstützung“, sagt Teraa.

An Trainern mangelt es trotzdem. „Es engagieren sich zu wenige. Viele Eltern sehen die Vereine als Verwahrstätte“, sagt Helmut Röder vom Fußballkreis und beschreibt eine typische Szene, die täglich hunderte Male vor den Sportplätzen zu sehen sei: „Ein Auto fährt vor, die Tür geht auf, ein paar Kinder werden ausgeladen, zwei Stunden später werden sie wieder eingesammelt.“ Gehe es nach ihm, müsse jedes Elternteil eine kleine Aufgabe erfüllen. „Wer sein Kind nur ablädt, bekommt keine Bindung zum Verein.“ Dabei gebe es genügend Jobs: den Spielbericht ausfüllen, Trikots waschen, Tee kochen, Wasser mitbringen, die kleinen Tore auf den Platz tragen, mit Hütchen das Spielfeld abstecken. „Das machen meistens die Trainer selbst. Das Spiel dauert eine Stunde, der Trainer hat aber drei Stunden Arbeit, während der Rest noch oder schon wieder zu Hause ist.“

Noch schwieriger sei, überhaupt Trainer zu finden, sagt Fußballkreis-Chef Biermann: „Einige Eltern leisten Höchstarbeit, andere wollen nur die Kinder abgeben, damit die gut versorgt sind. Wenn sie aber mal mithelfen sollen, dann gucken sie verwundert.“ Doch es gibt auch positive Ausnahmen. So wie bei der Tusa. Im Sommer kam ein Ehepaar an und wollte sein Kind anmelden. Der Verein lehnte ab und verwies auf die Warteliste, weil es keinen Trainer gebe. „Da haben die Eltern gesagt: Wir sind Sportlehrer, wir können die Kinder trainieren“, erzählt Anke Teraa, „jetzt haben wir eine weitere Mannschaft.“