Tischtennis-WM: Doping für die Schläger

Tischtennis-WM : Doping für die Schläger

Viele Spieler agieren bei der Tischtennis-WM in Düsseldorf wahrscheinlich mit unerlaubten Schlägern — weil der Weltverband das nicht überprüft.

Düsseldorf. Das Thema schwelt. Vor allem zwischen Thomas Weikert, dem deutschen Präsidenten des Tischtennis-Weltverbandes (ITTF), und Timo Boll, dem deutschen Star dieser Sportart. Zwei, die eigentlich auf einer Welle funken müssten. Eigentlich.

Weikert ist Funktionär und will in diesen Tagen der Düsseldorfer Tischtennis-Weltmeisterschaft am Mittwoch wiedergewählt werden. Boll ist Sportler, durch und durch, Botschafter seines Sports und auch — das weiß man auch, seitdem er die deutsche Fahne bei Olympia 2016 in Rio trug, einer der fairsten Wettbewerber überhaupt. Zwischen den beiden steht das so genannte „Tuning“. Eben jenes unerlaubte chemisch-technische Aufrüsten der kleinen Schläger, das einem Tischtennis-Spieler an der Platte auf unerlaubte Weise zu mehr Dynamik verhelfen kann.

Es ist Bolls Thema seit Monaten: Der Weltklasse-Spieler von Borussia Düsseldorf ging schon vor Monaten in einem FAZ-Interview davon aus, dass rund 80 Prozent der Akteure — darunter auch seine ewigen Widersacher aus China — mit nicht regelkonformen Schlägern spielen. Boll prangert das an, weil er es wissen muss: Er selbst trainiert und spielt immer wieder wochenlang in China, kennt die Mentalität der Kontrahenten, ist gar mit einigen wie etwa dem Weltranglistenersten Ma Long befreundet. Für sich selbst legt Boll, dem in Düsseldorf jetzt die Herzen der Fans zufliegen, die Hand ins Feuer: Er habe ein absolut reines Gewissen. Sein Schläger könne genau so gekauft werden, wie er ihn auch spiele.

Doch was ist Tuning eigentlich genau? Die Zulassungsbestimmungen der ITTF für Schläger werden extrem weit ausgelegt: Zwar ist das Obergummi auf dem Schläger in seiner Dicke reglementiert, nicht aber der Schwamm darunter und das Holz. Ob mit so genannten „Boostern“ — eine Flüssigkeit zur Modifikation von Belägen — manipuliert wird, ist nur erkennbar, wenn Gummi und Schwamm vom Holz gelöst würden — das macht aber niemand. So haben jene Vorteile, die mit diesen „Boostern“ zwischen Holz und Schwamm Gase entstehen lassen, die den Belag griffiger und damit schneller machen. Boll glaubt, das kann ein Spiel um einige Prozente verbessern. Er muss es wissen. Das regt ihn auf. Der 35-Jährige bringt das auch bei inzwischen jeder Gelegenheit an.

Aber: Auch bei der laufenden WM wird diesem Vergehen wieder nicht nachgegangen, obwohl auch Weikert darum weiß. „Nicht umsonst haben viele Spieler einen großen Betreuerstab dabei“, sagte Weikert uns schon vor Wochen. Aber: es passiert nichts. Eine rund 70 Kilogramm schwere Maschine, mit der man den Betrug entlarven könnte, gibt es laut den Worten des Weltverbandspräsidenten. Das Problem aber seien die hohen Kosten — und der Transport. Der Tischtennis-Weltverband ist nicht reich. Trotzdem klingen die Argumente vorgeschoben. Liegt es vielleicht auch daran, dass Weikert vor seiner Wiederwahl niemandem auf die Füße treten will? Boll wird das mutmaßen, sagt es aber nicht.

Auch unter den Amateuren rumort es: Das so genannte „Frischkleben“ des Belags, wie es früher fast normal war, ist inzwischen verboten. Aber das Tuning ist auch bein Amateuren Thema. Nur: Auf höchsten Niveau schmerzt es besonders. Wie bei Timo Boll, der am Montag auch die neuen, schwarzen Tische in Düsseldorf wenig begeistert testete: Der Tischfuß rage etwas weit heraus. „Ich trete bei fast allen Rückschlägen drauf. Hoffe mich bringt das nicht zu sehr raus“, sagte Boll. Probleme über Probleme.

Mehr von Westdeutsche Zeitung