Fahrradkuriere: Lieferando: Gewerkschaft kritisiert Arbeitsbedingungen der Fahrer

Fahrradkuriere : Lieferando: Gewerkschaft kritisiert Arbeitsbedingungen der Fahrer

Lieferando ist der letzte große Lieferdienst in Deutschland. Auch in Düsseldorf steht das Unternehmen in der Kritik. Die Gewerkschaft NGG hat eine Sekretärsstelle für die Fahrer eingerichtet.

Bis vor wenigen Jahren gab es nur eine Möglichkeit, Essen zu bestellen: Man rief bei einer Pizzeria mit Lieferservice an und ein Bote kam mit dem Auto vorbei und brachte das Essen. Mittlerweile kann man nicht nur Pizza, sondern nahezu jedes Gericht frei Haus bestellen. Die Boten kommen längst nicht mehr nur mit dem Auto, sondern oft auf bunten Fahrrädern und mit großen quadratischen Frischhalteboxen in magenta, orange oder türkis. Seit einigen Wochen ist es weniger farbenfroh auf den Straßen geworden. Es fahren nur noch orangefarbene Lieferboten von Lieferando durch die Stadt.

Lieferando nimmt von Restaurants 30 Prozent Provision

Lieferando bieten kein eigenes Essen an, sondern stellt Restaurants die Rahmenbedingungen, also Online-Bestellplattform, Handy-Apps und – wenn sie keine eigenen Lieferdienste haben – auch die Fahrer. Lieferando bekommt im Gegenzug für die Bestellungen eine Provision. Diese liegt aktuell bei „knapp über 30 %“, teilte das Unternehmen auf Nachfrage mit.

Das deutsche Portal wurde bereits 2014 von dem niederländischen Unternehmen Takeaway.com übernommen. Takeaway wurde 1999 in Amsterdam gegründet und liefert aktuell in zehn Ländern. In Deutschland ist die Marke unter dem Namen Lieferando „in allen Städten über 100 000 Einwohner“ vertreten. In Düsseldorf alleine würden mehr als 100 Restaurants mit ihnen zusammenarbeiten. Von den Lieferanten in den orangen Jacken werden aber nur die beliefert, die keinen eigenen Lieferservice haben. Die meisten Restaurants in Düsseldorf liefern selbst. Angestellte Fahrer von Lieferando gebe es in Düsseldorf „mehrere dutzend“.

Lieferung bei jedem Wetter: Ein Mitarbeiter des Lieferservice Lieferando fährt auf einem Fahrrad durch den verschneiten Hofgarten. Foto: dpa/Christophe Gateau

Im Dezember 2018 kaufte Takeaway Foodora, pizza.de und Lieferheld vom deutschen Unternehmen Delivery Hero. In Deutschland fallen nun alle Takeaway-Marken unter dem Namen Lieferando. Der große Konkurrent Deliveroo aus Großbritannien hat im August seinen Betrieb in Deutschland eingestellt.

Lieferando stehen auch immer wieder in der Kritik. Nicht nur die hohen Provisionen, sondern auch die Bedingungen, unter denen die Fahrer das Essen ausliefern müssen, sind ein Thema. Die Gewerkschaft NGG (Nahrung-Genuss-Gaststätten) hat in Düsseldorf extra eine eigene Stelle für die Fahrradkuriere geschaffen. Dort kümmert sich Keno Böhme (23) als Projektsekretär um das Projekt „Liefern am Limit“.

Liefern am Limit fordert für die Rider – wie die Fahrradkuriere genannt werden – Betriebsvereinbarungen zum Thema: Wie sich der Arbeitgeber bei Unwetterwarnungen zu verhalten hat. Lieferando liefert bei jedem Wetter, verspricht das Unternehmen. Fahrer würden der Jahreszeit entsprechend mit Dienstkleidung ausgerüstet.

Das Projekt klärt Fahrer auch darüber auf, wie Gewerkschaften aufgebaut sind oder wie Betriebsräte gegründet werden und möchte Vorarbeit auf dem Weg zum Tarifvertrag leisten. In fünf Städten gibt es unter den Fahrradlieferanten Betriebsräte. Köln, Hamburg, Nürnberg, Frankfurt/Main und Stuttgart. Münster wählt in Kürze. Zusätzlich gibt es noch einen Gesamt-Betriebsrat bei Lieferando. In Düsseldorf gibt es auch „eine handvoll aktive Fahrer“, sagt Böhme. Für eine Betriebsratsgründung seien es aber noch zu wenige. Es sei geplant einen gemeinsamen Betriebsrat mit anderen Städten zu gründen.

Ob das Unternehmen langfristig weiter auf Fahrradkuriere setzt, ist nicht gewiss. Lieferando Deutschland-Chef Jörg Gerbig sagte gegenüber dem Manager-Magazin, dass die Rider nicht profitabel seien. Sie würden nur deshalb weiter Essen ausfahren, weil Kunden sie nachfragen würden. Böhme schließt aus dieser Aussage, dass es bald entweder Einsparungen im Personal, höhere Kosten für die Kunden oder höhere Provisionen für die Restaurants geben wird. Lieferando bezahlt in allen Städten über Mindestlohn, sowie Urlaubs- und Krankengeld, teilt das Unternehmen auf Nachfrage mit. Außerdem seien die Kuriere gesetzlich über die Berufsgenossenschaft unfallsversichert. Laut Böhme liegt der Lohn zwischen 9,50 und elf Euro in der Stunde.

Böhme ist selber anderthalb Jahre Essen ausgefahren. Erst für Foodora, dann für Deliveroo und zuletzt für Lieferando. Das Arbeitsverhältnis wurde immer vorzeitig beendet. Entweder wurde ihm gekündigt oder der befristete Vertrag wurde nicht verlängert. Böhme vermutet sein arbeitspolitisches Engagement hinter den Entlassungen: „Ich bin aus Sicht der Unternehmen als Arbeitnehmer zu kritisch aufgetreten.“ Bei Deliveroo initiierte er mit mehreren Arbeitskollegen eine Betriebsratswahl. Sein Vertrag lief aus und wurde nicht verlängert.

Lieferando bestreitet Kündigung wegen Engagement

Sechs Wochen später fängt er bei Lieferando an. Auch dort wurde er entlassen. „Ich bin kurz vor Ende der Probezeit gegangen worden“, sagt er. Er hatte zuvor die Sicherheit der Diensträder beklagt. Bei den zur Verfügung gestellten E-Bikes hätten bei Nässe die Reifen durchgedreht. Die Mäntel der Reifen seien zu glatt gewesen, der Luftdruck zu hoch. Es sei zu vielen Stürzen gekommen. Er selber habe sich eine Muskelzerrung zugezogen. Bei Lieferando hätte man seine Kritikpunkte abgetan. Als Böhme beginnt Kunden und Kollegen von seinen Erfahrungen zu erzählen, wird er freigestellt. „Damit ich nicht mehr mit Kunden reden kann“, vermutet Böhme. Das Unternehmen bestreitet jeglichen Zusammenhang zwischen der Kündigung und seinem Engagement auf arbeitspolitischer Ebene, sagt er. Man unterstütze die Gründung von Betriebsräten, teilt Lieferando auf Nachfrage mit.

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