Lea Ruckpaul sucht nach der Freiheit im Kopf

Lea Ruckpaul sucht nach der Freiheit im Kopf

Die Schauspielerin ist neu im Ensemble des Düsseldorfer Schauspielhauses. Im September spielt sie in einem Herrndorf-Stück. Schauspielern allein ist ihr aber zu wenig, sie schreibt, braucht die Berge und schaltet auch mal ihr Internet ab.

Düsseldorf. Offenes Gesicht, vorsichtiges Lächeln, sportliches Outfit mit Lederjacke, lange blonde Haare. Sie wirkt wie ein Mädchen — auf der Bühne oder auf der Mattscheibe. Regisseure besetzen Lea Ruckpaul deshalb gerne in jugendlichen Rollen. Obwohl: „Ich bin doch schon 31.“

Es klingt authentisch, zurückhaltend und scheu, wenn sie das sagt — die in Ost-Berlin geborene und nach der Flucht der Eltern aus der DDR in Hamburg aufgewachsene Schauspielerin. Deswegen wollte sie in ihrer Jugend weniger auf, sondern hinter die Bühne. „Ich dachte, ich bin zu schüchtern“, erinnert sie sich.

Angeregt durch regelmäßige Besuche des Thalia-Theaters bewarb sie sich nach dem Abitur zunächst für ein Regie-Studium, fiel jedoch bei der Aufnahme-Prüfung durch. Erst die Aufforderung eines Jurors ermutigte sie, es als Schauspiel-Studentin in Leipzig zu versuchen.

Der Erfolg, mit dem sie nicht gerechnet hatte, stellte sich schnell ein. Noch während der Hochschul-Zeit trat sie im Studio des Staatsschauspiels Dresden auf. Es war Wilfried Schulz, der ihr einige Rollen zutraute. „Er hat dran geglaubt, dass was in mir steckt, was auch immer das sein soll“, schmunzelt sie. Deshalb - und aus „privaten Gründen“- kommt sie nun, mit einem anderen Schauspiel-Kollegen, nach einem zweijährigen Intermezzo in Stuttgart, in das von Schulz geleitete Haus in Düsseldorf. Eine Stadt, deren Bewohner sie in nur wenigen Wochen lieb gewonnen hat. Offen, zutraulich und lebendig seien die Düsseldorfer.

Ab Mitte September wird Lea Ruckpaul (sie spielte bereits die Julia in George Orwells „1984“ im Central) als Isa auf der Bühne stehen. In der Hauptrolle des Zwei-Personenstücks „Die Bilder deiner großen Liebe“ von Wolfgang Herrndorf. Es ist das unvollendete Vermächtnis des bereits vor der Uraufführung 2013 verstorbenen Autors Herrndorf. Ein Stück und eine Figur, das sie tief beeindruckt, es aus der Taufe gehoben und 40 Mal auf der Bühne verkörpert hat. In Dresden, dann in Stuttgart.

Es geht um die Reise in Real-Fantasien des Mädchens Isa (sie ist das Mädchen von der Müllkippe aus Herrndorfs Erfolgsstück „Tschick“), das aus der Psychiatrie abgehauen ist. Ruckpaul: „Isa geht raus in die Natur und trifft in ihrer Fantasie einen taubstummen Jungen.“ Isa mutiere dabei zu einer „Begleiterin in den Tod.“

Wenn Ruckpaul die Isa spielt, könne sie ein Stück der Gedanken- und Gefühlswelt des Autors lebendig machen. Sie spricht von der Macht der Fantasie, „deshalb ist Theater so toll“. Fast fünf Jahre hat sie diese Rolle gespielt. „Ich bin mit der Figur gealtert.“ Die Bühnen- und Lebensumstände haben sich verändert, fügt sie hinzu. Der Text sei zwar in ihr verankert, aber „wenn ich es heute spiele, sind meine Gedanken andere als in meiner Dresdener Zeit“. Damals sei sie privat nicht glücklich gewesen, fühlte sich „zukunftslos“. Das sei heute ganz anders. Sie sei glücklich. Warum? Über ihr Privatleben schweigt sie.

Wie sie komplexe Texte wie diesen lernt? „Etwas auswendig können heißt auf französisch ‚par coeur’. Daran muss ich immer denken - etwas im Herzen haben.“ Wo? Am liebsten auf der Terrasse in ihrer Wohnung in Flingern, mit Blick in den Himmel. Oder beim Laufen im Grafenberger Wald. So habe sie, später auf der Bühne, stets Natur-Bilder im Kopf. Bäume, Pflanzen, Landschaften.

Stichwort Natur: Die Schauspielerin sagte für den Sommer Dreh-Angebote von Film und Fernsehen ab, um fünf Wochen zu verreisen und mit ihrem Lebensgefährten zu wandern. Durch die italienischen Abruzzen. Nach der anstrengenden Saison (in Stuttgart und Düsseldorf) fühlt sie sich erschöpft. „Ich brauche Ferien, muss etwas anderes sehen als Theater oder Film-Studios.“ Besonders spürt sie das im Sommer: „Bei Proben und Vorstellungen leben wir tagelang in einer künstlichen Welt, in künstlichem Licht, wie im Untergrund.“ Acht Stunden durchs Gebirge wandern mit Rucksack - das entspannt Lea R. und verleiht „Freiheit im Kopf“.

Ruckpaul - eine junge, sensible Frau. Und verletzbar. Zu spüren ist das, wenn sie sich an schlechte Kritiken oder Demütigungen erinnert, wie den beleidigenden Kommentar einer Schauspiel-Lehrerin „sie sei nur ein kleines plapperndes Mädchen.“

Ungewöhnlich für ihr Alter: Sie lebte zehn Jahre ohne Internet und Fernsehapparat. „Ich habe das Gefühl, dass ich damit dümmer werde. Ich lese lieber. Und möchte nicht ständig darüber informiert werden, was Freunde und Bekannte gerade tun.“ Mit TV und Internet entstehe zwar nie Langeweile. „Aber Langeweile braucht man, um kreativ zu sein.“

Kreativ ist Lea Ruckpaul. Und vielseitig. Denn schon seit ihrer Kindheit schreibt sie. Angefangen hat sie mit „Liebeskummer-Gedichten“, als Schülerin gewann sie gar einen Wettbewerb des Hamburger Literaturhauses. Es folgten Essays, die sie kürzlich in einer Züricher Buchhandlung vorlas.

Am Ende verrät sie, dass in einer Schublade ein Roman schlummert. Ihr Interesse liegt dabei in Menschen, Situationen und Sprache. Ihr sehnlichster Wunsch indes ist es, ihre Großmutter in einem Buch zu porträtieren. Die richtige Zeit sei jetzt, da die Dame körperlich und geistig noch sehr fit sei. „Für den Autor ist es aber nicht einfach; denn man weiß nie, ob die Menschen, die sich erinnern, die Wahrheit sagen.“

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