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Land ohne Zar und Musik ohne Dirigent

Land ohne Zar und Musik ohne Dirigent

Christian Ehring, das Moskauer Persimfans Orchester und die Symphoniker geben „Grundkurs Weltrevolution“.

Revolutionen finden bei uns nicht mehr so richtig statt. Die Bundestagswahl mag manchem Betrachter revolutionär vorgekommen sein, auch der Präsentation des neusten i-Phones hafte zuweilen das Etikett „Revolution“ an. Das meint jedenfalls Kabarettist Christian Ehring. Er moderiert auf seine pointierte Art das Gemeinschaftskonzert des Persimfans Orchesters Moskau und der Düsseldorfer Symphoniker. Titel des Sonntagnachmittagkonzerts: „Grundkurs Weltrevolution“.

Die ganze vergangene Woche stand tonhallenweit im Zeichen der russischen Oktoberrevolution vor genau hundert Jahren. „Sound der Utopie“ lautete die Überschrift. Und passend zum Thema hing eine rote Plastik des Künstlers Aljoscha an der Saaldecke, die aussieht wie eine farbintensive Explosion und damit die Sprengkraft utopistischer Ideen symbolisiert.

Verglichen mit heutigen politischen Entwicklungen stelle die Oktoberrevolution von 1917 denn doch eine ganz andere Hausnummer dar, sagt Ehring. Und das sei damals bis in die Bezirke der musikalischen Hochkultur vorgedrungen. „Kein Zar, kein Dirigent“, so die Formel. Das Persimfans Orchester aus Moskau drückte die Utopie obrigkeitsfreien Lebens in den 20er Jahren mit dem Konzept des herrschaftsfreien Musikzierens aus, also des Orchesterkonzerts ohne jemanden mit Taktstock. „Herrschaftsfrei — das passte nicht so gut zu Stalin“, erläuterte Ehring die Zwangs-Auflösung des Orchesters in den 30er Jahren.

2008 gründete sich das revolutionäre Orchester in Moskau neu unter Federführung des Enkels eines ehemaligen Orchestermitglieds. Zum ersten Mal gastierte das Persimfans nun in Düsseldorf und gleich auch in Kooperation mit den Düsseldorfer Symphonikern.

Im ausgefüllten Kreis sitzend, wodurch einige Musiker zwangsläufig dem Publikum den Rücken kehrten, spielte man jetzt typisches Repertoire des alten Persimfans, darunter Ludwig van Beethovens Egmont-Ouvertüre, die Kammermusik Nr. 1 des einstigen Bürgerschrecks Paul Hindemith und die Oktober-Rhapsodie des vorübergehenden russischen Staatskomponisten Joseph Schillinger, ein Werk, in dem mit viel Blechbläserschall das sozialistische Kampflied „Die Internationale“ zitiert wird.

Die bekannten Gesichter der Düsys sahen im musikalischen Stuhlkreis nicht ganz so glücklich und engagiert aus wie die hoch motivierten russischen Kollegen. Und doch gelang ein respektables Miteinander. Beethovens „Egmont“ klang stark akzentuiert, wenn auch das Zusammenspiel an diffizilen Stellen Schwächen aufwies. Furios gelang hingegen Hindemiths Kammermusik sowie das dadaistische Vokalexperiment „Ursonate“ von Kurt Schwitters. Unterhaltsam wurde der Nachmittag vor allem durch Ehrings spitze Bemerkungen, etwa über Gerhard Schröders Engagement in Russland und gut dotierte Posten. Die halbe Million Euro pro Jahr vom Steuerzahler seien völlig unzureichend, frotzelte Ehring —„knapp über Flaschensammeln“. Womöglich würden Schröder und Putin bald zusammen in den Urlaub reiten: „Putin auf dem Pferd, Schröder auf dem Esel.“ Viele Lacher und Beifallsbekundungen für Wort und Musik in der praktisch ausverkauften Tonhalle.