Kunst nach Maß beim Maßschneider

Kunst nach Maß beim Maßschneider

Der Künstler Christoph Bouchet bemalt triste Telefonkästen in Oberkassel. Und hofft, dass dieses Beispiel Schule machen wird.

Düsseldorf. Es gibt schon schöne Ecken in Düsseldorf. „The Bespoker“, das Geschäft des Maßschneiders Virgile Bourgueil an der Wildenbruchstraße in Oberkassel, ist so eine, sein Laden ein wirklicher Concept Store, wobei die Konzepte wechseln und immer wieder durch neue, oft maßgeschneiderte Ideen ergänzt werden. Was den Ästheten jedoch seit der Eröffnung im Mai letzten Jahres vor seinem Gentlemen-Store störte: Die grauen Telefonkästen vor seinem Schaufenster. Die könnte man doch verschönern, dachte er. Vielleicht mit Hussen aus beschichteten Stoffen? Bei einem Essen mit dem Künstler Christophe Bouchet, der in Berlin, Düsseldorf und an der Loire lebt, hatte er eine andere Idee: bemalen lassen. Doch zuerst musste die Telekom gefragt und Genehmigungen eingeholt werden. Der Kommunikationsriese fand die Idee gut, ebenso wie der Vermieter und die Nachbarschaft.

Bourgueil: „Bouchet ist einfach ein Gute-Laune-Künstler.“ Einer mit einer besonderen Geschichte. Der 1959 geborene Franzose wurde bekannt, als er mit einem Freund einen Teil der Berliner Mauer nicht nur bemalte, sondern auch eine Art Skulptur dort anbrachte, ein Pissoir als Hommage an Marcel Duchamp. Anfang der 90-er Jahre hatte er ein Atelier im Düsseldorfer Hafen und stellte unter anderem im „Ratinger Hof“ aus.

Virgile Bourgeuil, Maßschneider

Am Samstag war es so weit in Oberkassel: Bouchet rückte mit Pinseln und Farben an, und bald sahen die tristen Kästen richtig fröhlich aus mit den typischen Bouchet-Motiven, wie man sie vielerorts in Düsseldorf findet, nicht nur in Privatwohnungen, sondern auch in Hausfluren, Büros und Geschäften.

Meist Wange-an-Wange-Frauen-Porträts, wie bei einem Selfie - Bouchet nennt sie „Töchter des Rheins“ - bei denen man erst auf den zweiten Blick sieht, dass fünf Frauen zusammen nur sechs Augen haben, ein kartenspielender Zigarrenraucher mit Hut, im Hintergrund der Rheinturm, drum herum lauter Symbole. Bouchets Bilder sind Werke zum Spazierengucken. Die von ihm gestaltete Einladung machte schon neugierig. Das Original ist längst gerahmt und ziert den Laden.

„Art Cornern“ nennt Bourgueil solche Aktionen an seiner Ecke. Freunde und Nachbarn machen gerne mit, parken zum Beispiel einen tollen Lancia-Oldtimer vor dem Geschäft. In dem hat jedes Stück seine eigene Geschichte. Die Einrichtung, die zum großen Teil von Wandel antik in Unterbilk stammt, ist käuflich. Und kann es vorkommen, dass Jemand, der ein Sakko sucht, gleich noch einen Barwagen im Kofferraum verstaut. Aktueller Bestseller: Keramik-Wasserkaraffen in Fischform. Der Gag: Sie gluckern von innen raus beim Einschenken, machen eine Art Unterwassergeräusch. Damit ist das empfohlene Vielwassertrinken nicht mehr so langweilig - besonders für Kinder.

Selbst die Würstchen, die der Sohn des Sternkochs Jean-Claude Bourgueil servieren lässt, sind besonders geschmackvoll. Die Werstener Metzgerei Inhoven verfeinert sie mit exotischen Kräutern und Gewürzen wie Zitronengras, Kardamom und Kreuzkümmel. Schmeckt wie Urlaubserinnerungen.

Bourgueil zu seiner Kunstaktion: „Ich wollte einfach Kultur in die Straße bringen. Vielleicht wird das ja eine Initialzündung.“ Und in der Tat, manche Nachbarn haben schon nachgefragt, wollen jetzt auch solch einen Farb-Kasten.

Und wenn man dann mit der Straßenbahn über den Rhein fährt, fallen einem auf einmal diese auf den Wiesen verstreuten schäbigen Kästen für die Elektroanschlüsse für die Kirmes oder Zirkus auf. Die könnten auch gut einen kunstvollen Anstrich vertragen. Oder nicht?

Mehr von Westdeutsche Zeitung