Zwei Paare reizen sich beim Reden bis aufs Blut

Zwei Paare reizen sich beim Reden bis aufs Blut

Im Konversationsstück „Sommerabend“ landen viele verbale Schläge unterhalb der Gürtellinie.

Ein mildes Lüftchen weht, Schilfgräser biegen und wiegen sich im Garten. Eine kunterbunte Lichterkette, daneben ein Tisch, den Anna und Wilhelm festlich decken. Denn ihre Tochter Marie will heiraten. Und so luden sie an einem „Sommerabend“ die Eltern des Bräutigams ein — Madeleine und Richard. Doch in dem gleichnamigen Stück von Gabriel Barylli, das jetzt im Theater an der Kö uraufgeführt wurde, mündet der so harmlos beginnende Kennenlern-Abend, untermalt von Schlagerschnulzen, in einer Katastrophe.

Zumindest für die Paare, alle Ende 50, verwandelt sich das heitere Beisammensein in dramatisch drastische Szenen zweier Ehen. Mit heftigen Ausbrüchen und derben Wort-Schlachten, die nicht selten unterhalb der Gürtellinie landen. Ob der 60-jährige Barylli — in fünfter Ehe mit einer knapp 20 Jahre jüngeren Frau verheiratet — beim Schreiben eigene Erfahrungen verarbeitet hat? Möglich wär’s. Alles andere als lau sind die Dialoge zwischen den Paaren in diesem Konversationsstück. Denn beide Beziehungen sind nach gut 30 Jahren auf den Hund gekommen.

Wilhelm — ein arroganter, selbstherrlicher, wohlhabender Mediziner (auf den Punkt: Timothey Peach) — betrügt seine Anna seit langen Jahren, hat einen unehelichen Sohn mit einer Geliebten, die die Flucht nach Italien ergriffen hat. Monsieur muss daher häufig verreisen. Zudem meint Wilhelm, dass seine Frau Anna (temperamentvoll und exaltiert gespielt von Isabel Varell) sich mal die Brüste liften lassen soll. Böse Witze, bei denen die in Düsseldorf so stark vertretene Fraktion der Schönheitschirurgen ihr Fett abbekommt.

Umgekehrt ist es bei den Eltern des Bräutigams: Hier ist die sexuell abenteuerlustige Madeleine — eine spitzzüngige, sarkastische Fernsehmoderatorin, deren Busen längst operiert wurden. Eine Rolle, wie auf den Leib geschnitten für Ute Willing. Zu Madeleines zahlreichen Affären gehört auch eine mit ihrem Chefredakteur. Sie leidet unter ihrem Mann — dem Langweiler Richard, ein leicht weltfremder Schriftsteller (überzeugend: Martin Armknecht). Nach einem Bestseller flüchtet sich Richard, bei der Suche nach einem neuen Sujet, in Hirngespinste und pathetische, literarische Sprachhülsen.

All diese Details bringt das Quartett aufs Tapet, rücksichtslos und lautstark. Sie reizen sich bis aufs Blut. Mit schwarzem Humor, der an die Stücke von Yasmina Reza erinnert. Die Sprache wird immer roher, und so wirken manche Rededuelle wie ein Schlag in die Magengrube. Nur für kurze Momente sorgen süffige Ironie und schnippische Antworten für Heiterkeit. Schwach, unentschlossen und sanft säuselnd gibt sich dann das Ende des Stücks, in dem die Kinder (um die es ja geht) zunächst Spaghetti kochen, Moralin verstreuen und dann abhauen.

Und die Inszenierung? Sie stammt vom Wiener Barylli - Autor, Schauspieler und Regisseur — selbst. Und der macht es sich bequem: Die beiden Paare verharren fast zwei Stunden lang auf den komfortablen Gartenstühlen aus Teakholz, stehen während ihrer bitterbösen Tiraden nur selten auf. Baryllis manchmal derbe Sprache würde außerdem eine Prise Wiener Leichtigkeit und einen Schuss frisches Sommer-Parfum vertragen.

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