Zeitzeuge Karl-Heinz Hering: „Gurlitt war international beliebt“

Zeitzeuge Karl-Heinz Hering: „Gurlitt war international beliebt“

Karl-Heinz Hering nennt viele Fakten, die das Bild des angeblichen Skandalkäufers etwas korrigieren.

Düsseldorf. Man kann Fahnder und Forscher im Fall Hildebrand Gurlitt nur bitten, Zeitzeugen einzuschalten. Die Westdeutsche Zeitung tat es. Sie sprach mit Karl-Heinz Hering, Gurlitts Nachfolger als Kunstvereinsleiter in Düsseldorf.

Hering widerspricht der Behauptung im Blätterwald, der Kunsthistoriker, dessen spektakuläre Sammlung in München gefunden wurde, sei Dieb, Lügner und Beutekunsthändler.

Für Hering war er der Impulsgeber nach dem Krieg. „Ich durfte schon 1955 als Gurlitts Assistent nach Paris reisen, und ich wurde mit offenen Armen empfangen“, sagt Hering. Diese Bemerkung ist insofern wichtig, als Gurlitt schon 1942 im besetzten Paris direkt von Künstlern Werke persönlich erworben hat. Gurlitt sei in deutschen, französischen und italienischen Museen sehr beliebt gewesen.

Die Recherchen der WZ ergeben ein differenziertes Bild. So war etwa die private Sammlung Gurlitt derart bekannt, dass sie durch amerikanische Städte reiste. In einem Nachruf auf Gurlitt vom November 1956 in einer Düsseldorfer Tageszeitung, der sich in Marie-Luise Ottens Buch „Von Dada bis Beuys“ befindet, wird sie beschrieben. Danach reisten „Aquarelle der Maler des deutschen Expressionismus, die er über alle Nöte der Zeit zu retten verstanden hatte“, durch amerikanische Städte.

Hätte es Forderungen jüdischer Opfer gegeben, so Hering, wäre die Schau nicht zustande gekommen. Dass man nun erstaunt reagiert, weil Gurlitt privat sammelte, erstaunt Hering. Er wird darin bestätigt vom Vizedirektor des Wiener Belvedere, der der österreichischen Nachrichtenagentur APA erklärte: „Dass diese Sammlung existiert, das war kein Geheimnis. Im Grunde genommen hat jeder wichtige Kunsthändler im süddeutschen Raum gewusst, dass es das gibt - auch in der Dimension“.

Die Familie Gurlitt hatte im 20. Jahrhundert in der Kunstwelt einen hervorragenden Namen. 1883 zeigte Fritz Gurlitt in seinem Berliner Kunstsalon die erste Ausstellung französischer Impressionisten in Deutschland. Wolfgang Gurlitt, Hildebrands Onkel, wird im jüngsten Klee-Katalog der Kunstsammlung NRW als ein berühmter „Verfechter der Kunst von Paul Klee“ geschildert. Gurlitts Vater Cornelius „machte das Barock in der Kunstgeschichte salonfähig“, so Hering. So gibt es denn in Düssseldorf die Hildebrand-Gurlitt-Straße und in Dresden die Cornelius-Gurlitt-Straße. Hildebrand Gurlitt war 1895 in Dresden geboren und plante noch wenige Wochen vor seinem Tod eine Schau mit 150 Meisterwerken aus den Dresdner Sammlungen in Düsseldorf.

Hildebrand Gurlitt kam von Kindesbeinen an mit Kunst in Berührung, schrieb als Jüngling für die Deutsche Allgemeine Zeitung, wurde Direktor des König-Albert-Museums in Zwickau und kam nach dem Rausschmiss im Hamburger Kunstverein unter. In Zwickau und Hamburg baute er auch eine private Sammlung zeitgenössischer Kunst auf.

Die Nazis nutzten seine Expertise und seine internationalen Verbindungen, um die aus den Museen entfernten, „entarteten Werke“ international zu vermarkten oder fürs „Führermuseum“ in Linz zu sammeln. Mit seinem eigenen Besitz floh er im Februar 1945 aus seiner Heimatstadt Dresden ins Schloss Aschbach. Dort griffen die Fahnder der „Monuments Fine Arts and Archives Section“ zu. Die Listen sind bekannt. Doch Gurlitt kam mitsamt seinen Schätzen als untadeliger Mann frei, übernahm den Düsseldorfer Kunstverein und machte ihn zum berühmtesten und größten in Deutschland.

Er demonstrierte aber auch, wie schnell man nach dem Krieg Kunst kaufen konnte. Das Museu de Arte in Sao Paulo bestand erst sieben Jahre, als es 1955 am Grabbeplatz seine Neuerwerbungen präsentierte, darunter Bosch, Velazquez, Raffael, Rubens, Rembrandt, Modigliani, Matisse und Picasso.

Gurlitt zeigte zum 125sten Bestehen der Industrie- und Handelskammer erstaunliche Schätze des 20. Jahrhunderts von Düsseldorfer Kaufleuten. Der Sammler Gurlitt befand sich also in guter Gesellschaft, hatte er doch 1949 Gustave Courbets „Mädchen mit Ziege“ in einer Auktion ersteigert.

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