Wie Massendefekt beim Auftritt in Düsseldorf die Massen bewegt

Konzert : Wie Massendefekt beim Auftritt in Düsseldorf die Massen bewegt

Die Düsseldorfer Band ist in der Halle an der Siegburger Straße aufgetreten. 3500 Zuschauer ließen sich mitreißen.

Ein Massendefekt ist ein physikalisches Phänomen. Und tatsächlich existiert kein einziger Song dieser Band, die sich Massendefekt nennt, in dem dieses Phänomen erklärt würde. Dennoch ist das Konzert der Düsseldorfer in der Halle an der Siegburger Straße in jeder Sekunde ein durch und durch physikalischer Akt. Zwei Stunden lang gilt nämlich: Wenn’s vorne auf der Bühne laut wird – und es ist durchgend laut –, dann zittern und wirbeln unten vor der Bühne Gliedmaßen. Die Akustik bringt alles in Wallung. Die Schallwellen jagen aus den Boxen und drücken alles nieder, was nicht mit diesem selbsterklärte Punk’n’Roll zu tun hat.

Es ist der bislang größte Auftritt, den diese musikalisch schlagende Verbindung aus Düsseldorfern und Meerbuschern je absolviert hat. Und der Stolz darauf, hier zu stehen, wo schon beinahe ausnahmslos alle  Legenden der Pop- und Rockmusik gestanden haben, ist Frontmann Sebastian „Sebi“ Beyer und seinen Bandkollegen anzusehen und anzuhören. Es gibt Momente der Selbstvergessenheit. Und natürlich der totalen Euphorie.

Etwa wenn zu „Schwarz-Weiß-Negativ“, dem Song über neurotische Melancholiker, der streng genommen nicht unpassender sein könnte an einem Abend der Lebens- und Feierlust wie diesem, Freunde von anderen Bands, Kopfecho, auf die Bühne kommen, um beim Anheizen der Dreieinhalbtausend mitzumischen. Oder bei der „Bro Hymn“ der US-Punklegende Pennywise, die Massendefekt seit jeher im Programm haben, weil sie so schön Freundschaft und Kumpanei abfeiert und auf einen „Ohohohooo“-Chor im Refrain setzt, den jeder mitsingen muss, weil er die Synapsen im Zuhörerkopf sprengt.

Dass die Fans dieses lauten, zur Band gewordenen Massendefekts, das so genannte „Street Team“, ihren Aktionsteil beitragen zum Gelingen des physikalischen Experiments aus Schallwellen und Gute-Laune-Wogen, ist ohnehin klar: Sie machen bereitwillig jeden Mitsing-Wettkampf mit und setzen sich am Ende gegen die auf der Tour zum aktuellen Album „Pazifik“ angeblich führenden Bremer Massendefekt-Jünger durch. Sie ballern mit Konfettikanonen in die Luft und lassen große Gummiboote von der Seite der Halle aus auf dem Meer der knapp 7000 Tänzerhände fahren. Und in den Booten sitzen Damen im Feen-Kostüm, die Glitzerstaub verpusten und blinkende Flügel auf dem Rücken tragen und die diesem Abend der krachenden Akkorde-Beschwörung eine zweifelsohne charmant-verrückte Note verleihen.

Ist das denn noch Punkrock? Vollkommen egal. Denn es geht ja schließlich um Punk’n’Roll. Den Punkrock also, der nicht nur dröhnt und kreischt, sondern der das Geschmeidige, das „Roll“ eben, nicht vergisst. Und den haben Massendefekt todsicher drauf.

Nicht einen Moment wirken sie fehl am Platze auf dieser großen Bühne. „Ich geh‘ noch einmal diesen Weg“, singt Sebi Beyer. Das nimmt man ihm sofort ab. Und es wird spannend sein, zu beobachten, wohin dieser Weg noch führen wird. An diesem Abend sehen Massendefekt jedenfalls so aus, als könnten sie alles erobern, was sie erobern wollen.

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