Wie eine freie Künstlerin in Düsseldorf über die Runden kommt

Porträt : Der Drahtseilakt einer freien Künstlerin in Düsseldorf

Kathrin Edwards hat gerade ihr Studium an der Akademie beendet. Sie muss nun für sich selbst sorgen. Wie meistert sie diese Situation? Ein Besuch im Atelier.

Kathrin Edwards stammt aus Bietigheim-Bissingen, einer Kreisstadt unweit von Stuttgart und Heilbronn. Die Mutter ist Ärztin im Landratsamt und geschieden. Den Vater kennt die Tochter kaum, er sei zurück nach England gegangen. Sie selbst hat nur den deutschen Pass, und ihr Englisch sei das bloße Schulenglisch. Wie kommt so ein Mädchen überhaupt auf den Gedanken, Kunst in Düsseldorf zu studieren? Und was macht sie jetzt im Alter von 25 Jahren mit den grafischen Künsten, auf die sie versessen ist, obwohl doch der Kunstmarkt lieber Ölbilder verkauft? Wir sprachen mit der Meisterschülerin.

„Schon in der Schule hatte ich einen sehr guten Lehrer. Ich war im Leistungskurs Kunst und konnte mir nach dem Abitur gar nichts anderes vorstellen als Kunst zu studieren. Mein Lehrer hat mir noch die Mappe für die Bewerbung zusammengestellt“, sagt Edwards rückblickend.

Die Druckwerkstatt ist für Anfänger an der Akademie tabu

Die Druckwerkstatt der Kunstakademie war für die Anfängerin tabu. Erst nach dem Orientierungsbereich durfte sie sie besuchen und benutzen. Die Malerei verschwand im Schrank, Kathrin Edwards zeichnete stattdessen. Sie weiß inzwischen: „Je mehr man zeichnet, desto eher lernt man, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden. Ich zeichne täglich. Ich habe auch das Aktzeichnen in der Akademie besucht.“

Ihr Professor Siegfried Anzinger führt die Klasse für Malerei und Grafik. Auch er kann keinen Tag beginnen, ohne mindestens zwei Stunden gezeichnet zu haben. Aber auch er weiß allzu genau, dass die grafischen Künste immer mehr verloren gehen, weil der Kunstmarkt sich kaum dafür interessiert. Karl Böcker, der 20 Jahre lang als Werkstattleiter für Grafik an der Kunstakademie tätig war, behauptet sogar, er habe nicht einen einzigen, wirklich wichtigen Grafik-Künstler hervorgebracht.

Dennoch will Kathrin Edwards von diesem Medium nicht lassen. Sie beherrscht längst die Techniken, weiß um die billige Zinkplatte und den teureren Kupferdruck, kennt sich mit den Materialien Asphalt, Bienenwachs, Fett und Lack aus, um auf dem klebrigen Untergrund das Seidenpapier aufzulegen und zu zeichnen oder um ins harte Metall zu ritzen. In ihren großen Formaten beim Rundgang spielte sie mit der klaren Linie in der Aktdarstellung. Sie kratzte die minutiösen Blätter aus der Zinkplatte heraus, hantierte in den farbigen Hintergründen mit Aquatinta und war bis ins kleinste Detail erpicht, das paradiesische Arkadien in die Erinnerung zurückzuholen.

Einen Preis bekam sie nicht dafür, denn Auszeichnungen werden in der Regel nur dann vergeben, wenn die Kunst dem Trend entspricht. Noch nicht einmal ein Reisestipendium erhielt sie, das ging an eine Klasse für bloße Vorhänge. Dennoch wurde sie von Grafikfreunden gesichtet. Das Ehepaar Gerolf und Ilsabe Schülke tauchte rechtzeitig vor ihrer Ausstellung im Kulturbahnhof Eller auf. „Paradies verloren und Paradies wiedergewonnen“ ist der Titel, und Kathrin Edwards ist dabei.

Bis Ende des Jahres ist der
Lebensunterhalt gesichert

Die Schülkes sind begeistert von ihren spätromantischen Anklängen in den großen Tableaus mit dem Frauenakt als Selbstbildnis auf einer mondbeschienenen Lichtung. Für Kathrin ist es die erste Schau im öffentlichen Raum. Aber auch in einem Off-Raum auf der Merkurstraße ist sie schon für nächstes Jahr gebucht.

Da sie beim Rundgang ihre Serie verkaufen konnte, sind die Monate bis Ende des Jahres finanziell gesichert. Kathrin Edwards rechnet vor: „Ich zahle nur 200 Euro für das Atelier, weil ich es mir mit drei Kollegen teile. Einschließlich der Wohnung sind das 500 Euro Miete im Monat. Das ist so preiswert, weil ich im Marokkaner-Viertel lebe. Ich brauche aber auch nicht viel Geld zum Leben. Ich komme alles in allem mit 1000 Euro im Monat aus.“

Ihr großer Schatz ist eine gebrauchte Radierpresse. Sie hat sie für 1000 Euro von ihrer Mutter bekommen, als Geburtstags- und Weihnachtsgeschenk zusammen. Die Lithopresse ist gleichfalls angeschafft. Im Übrigen jobbt sie einmal in der Woche. „Das reicht für mich“, sagt sie. Und blickt hoffnungsvoll in die Zukunft.

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