Zeitgenössischer Tanz: Wer oder was ist Hartmannmueller?

Zeitgenössischer Tanz : Wer oder was ist Hartmannmueller?

Das Düsseldorfer Duo begeistert mit Tanz- und Performance-Kunst zwischen Humor, Melancholie, Verstörung und Leichtigkeit. Mit „Die Schöpfung“ sind sie nun erneut im Tanzhaus zu sehen.

Die Arbeiten des in Düsseldorf ansässigen Duos Hartmannmueller – das sind Daniel Ernesto Mueller und Simon Hartmann – ziehen den Betrachter sogleich in eine ganz eigene mit Skurrilität, Melancholie und auch Humor aufgeladene ästhetische Welt. Ihre Arbeiten operieren dabei auf der feinen Schwelle zwischen künstlerisch tiefgründigem Diskurs und Leichtigkeit, die sich in Bewegungskunst formen.

Wobei ist nicht gerade der Bruch zwischen Tiefe und Leichtigkeit ein wunderbarer Katalysator, um ein Publikum in sanften, bisweilen auch härteren Schüben in eine Geschichte, eine künstliche und kunstvolle Welt hineinzuziehen? Dabei sind die Grenzen zwischen Choreografie, Performance, Theater und Tanz in ihren Arbeiten fließend.

Hartmannmueller gibt es in dieser Form seit 2011. Sie lernten sich damals während ihres Bühnentanz-Studiums an der Folkwang-Uni in Essen kennen, wo beide seit 2006 studierten. Sowohl Hartmann, 1984 geboren in Pforzheim, als auch Mueller, geboren 1980 in Schlüchtern, fanden erst relativ spät zum Tanz. Mit Anfang und Mitte zwanzig ist man eigentlich nicht in dem Alter, eine klassische Tänzerkarriere beginnen zu können. Umso mehr sind sie heute noch dankbar, dass es an der damals noch Hochschule genannten Universität der Künste offenbar keinen Jugendwahn gab und noch mehr zählte als die bloße körperliche Eignung. Man erspürte wohl das künstlerische Potenzial der beiden, die 2010 ihr Diplom erhielten.

Wenngleich ihre Arbeiten emphatisch Tanz – auch bisweilen zeitgenössischen – transzendieren, so etwa zuletzt in ihrem Stück „My saturday went pretty well until I realized it was monday“, bei dem Hartmann den ganz aus der Zeit gefallenen Alleinunterhalter am Keyboard gab und Mueller sich in enge Latex-Tapes eingewickelt als ein buntes Wesen zwischen Fantasiefigur und Seelenporträt zeigte, begreifen sie sich vom Tanz kommend.

Wie sie uns erklären, geht ihre Arbeitsweise zunächst immer vom Material aus – so war es auch bei „My saturday“ bei dem das Einschnüren, das Tape eine zentrale Rolle spielte. Aber auch Nostalgie – auf unsere Nachfrage hin bestätigen sie diese sich aufdrängende Vermutung –, Vergangenheit, der manchmal warme, manchmal schmerzvolle Blick zurück, zieht sich wie ein sanftes Band durch ihre Arbeiten, die aber oft eher einen Blick hinter die Oberfläche vom Publikum fordern, um die emotionalen Tiefen der Ästhetik zu erfassen. Hartmann und auch Mueller haben eine gewisse Schwäche für die Pop-Ästhetik der 80er und 90er Jahre; das ist die Zeit ihrer Jugend und Kindheit. Erinnerung, das Verarbeiten von mit dem Vergangenen verbundenen Emotionen, scheint ein gern genutzter Modus ihrer Arbeit – vielleicht bewusst oder sogar unbewusst, wer weiß das schon so genau.

Kurz: Die Kunst der beiden zieht zunächst auf sehr packende Weise mit, doch wirkt schließlich viel subtiler auf das Publikum ein, als man vielleicht zunächst vermuten würde; wohl auch deshalb denken sie das Publikum immer mit, legen viel Wert bei dem Entstehungsprozess der Stücke auf die Reflexion der Wirkung. Hierzu hilft ihnen seit Jahren ihre Dramaturgin Annette Müller, die fast so etwas wie eine Co-Autorin zu sein scheint, die immer wieder die Rolle des Publikums einnimmt und die Wirkung den beiden spiegelnd somit den wahrscheinlich zirkulären Entwicklungsprozess, der um einen Kern zu kreisen scheint, unterstützt.

Nicht umsonst erhielt das Duo für ihre Arbeit 2015 den Förderpreis der Stadt Düsseldorf im Bereich der darstellenden Kunst.

In ihrer neuen Arbeit unter dem groß klingenden Titel „Die Schöpfung“ am Tanzhaus verhandeln sie auf ihre ureigene Art eine Beziehung zwischen Natur und Gesellschaft. „Wir sind noch im Prozess“, gestehen sie; ein schwerer Prozess. Und in der Tat ist der Begriff „Schöpfung“ aufgeladen.

Das Duo ist – wie schon öfters zuvor – vom Bühnenbild ausgegangen. Bei einem Brainstorming kamen Aspekte zusammen, wie Pflanzen, Tiere, aber auch der Tod – totes Holz, Rinde, Naturprodukte, Domestizieren oder Entwurzelung. Und hier ist er wieder, dieser sanfte Hauch der Melancholie, die sich gern mal als Klamauk maskiert. Ähnlich einem Pierrot – Mitleiden, Mitleid und Mitfühlen durch den Schlüssel, den Katalysator des Humors, das scheint ein Nerv bei Hartmannmueller zu sein, der viele auch unerwartet im Publikum trifft.

Sie haben eine „riesige Blase“ entwickelt, in der die Schöpfungsgeschichte diskursiv verhandelt werde. Sie soll man auf der Bühne auch ganz explizit sehen können. Hat Gott uns erschaffen oder haben wir Gott erschaffen und Gott die Krone aufgesetzt? – lautet eine, zugegebenermaßen nicht ganz neue Leitfrage. Ein wichtiger Impuls sei zudem die Aktivistin und Autorin Donna Haraway, was auch schon bei anderen Arbeiten Thema war. „Wir wollen eine Erinnerung an unterschiedliche Schöpfungsgeschichten wecken“, sagt Mueller – als „Überbleibsel“. Zudem schleiche sich Evolutionstheorie hinein, Endlichkeit, aber auch Scheitern. Vielleicht auch Apokalyptisches. Und da ist sie wieder, die dunklere Seite des Duos. Doch diese Seite ist vielleicht das, was sie so faszinierend macht: das Ästhetisieren von Grenzüberschreitungen.

„Die Schöpfung“ wird am Donnerstag, 21. November, um 20 Uhr im Tanzhaus NRW (Erkrather Straße 30) uraufgeführt. Die 60-Minütige Performance wird am Samstag (20 Uhr) und Sonntag (18 Uhr), 23. und 24. November zu sehen sein.

tanzhaus-nrw.de

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