Wer ist dieser Ádám Fischer?

Kultur : Wer ist dieser Ádám Fischer?

Eine Biografie und eine Geburtstagssoiree zum 70. Viele Wege, den Dirigenten besser kennenzulernen.

Wussten Sie, dass Ádám Fischer, der Principal Conductor der Tonhalle, nicht nur ein mit feiner Musikalität gesegneter Dirigent ist, sondern auch Pianist? Der mit glänzend elegantem, durchaus spritzigem Spiel den obligaten Part in Mozarts Konzertarie K 505 „Ch‘io mi scordi di te“ (Mezzo: Sarah Ferede), selbst neben der Pflicht, die Düsseldorfer Symphoniker mit Esprit durch die Musik Mozarts zu leiten, mal so eben dahinperlen lässt, als wäre es eine seiner leichtesten Übungen? Licht und vor allem sensibel wirkt sein Spiel – eine Premiere in Düsseldorf. Eine Leichtigkeit, die man dem damals jungen Kapellmeister – vor mehr als 40 Jahren – bei Proben eher auszutreiben versuchte; denn bei Proben war mit feinfühliger Klavierkunst wenig anzufangen. Genauso wie mit seiner unbändigen Lust am Dialog, an einem demokratischen Denken, das sicherlich als Gegenreaktion auf seine Jugend im kommunistischen Ungarn gedeutet werden könnte.

Man muss nicht die von Andreas Oplatka vorgelegte Biografie Ádám Fischers unter dem Titel „Die ganze Welt ist ein Orchester“ gelesen haben, um zu spüren, dass der ungarische Dirigent, der am 9. September seinen 70. Geburtstag feiert, so manchen – auch inneren – Kampf ausgefochten haben muss, um nun da zu stehen, wo er heute steht. Es genügt ein Blick auf Geburtsdatum und Geburtsort. Auch muss man vielleicht nicht bei der in der ausverkauften Tonhalle feierlich begangenen Geburtstagssoiree zugegen gewesen sein, um von Fischers subtilem Humor und musikalischer Intelligenz zu wissen, sie sogar zu lieben. Es reicht, seiner Musik zuzuhören, wieso nicht auch auf Platte.

Aber wie gut kennen wir den 1949 in Budapest geborenen Musiker? Den Menschen Fischer? Kann man, darf man das trennen?

Hilfreich, um Fischer noch ein bisschen besser kennenzulernen, war oder ist indes beides. Sowohl ein Blick in die Biografie, erschienen beim Paul Zsolnay Verlag, als auch ein – leider jetzt nicht mehr nachholbarer Besuch – bei besagter Soiree.

Das gut 280-seitige Buch ist mit viel Liebe zum Detail gefügt. Historisches, Politisches – immer wieder empathisch eingeflochten –, aber auch kulturtheoretisch Diskursives mischt sich, mit einem bisweilen farbenreich, bisweilen etwas abschweifend gezeichnetem Porträt. Da fügen sich Überlegungen zu Ungarn im Laufe der Geschichte zu einer Landes-Charakterisierung, da haben ausgiebige Abrechnungen mit Regietheater Platz. Eine intensive Leitmotivik in Bezug auf seine Geschwister, seine Eltern, insbesondere sein Vater vermengt sich in eine Melange mit historischer Perspektive. Gewürzt mit pointierten Zitaten, wenigen, aber schönen Abbildungen.

Nur allzu leicht verliert man die Sicherheit beim Lesen von Oplatkas Ausführungen, welcher Gedanke denn jetzt vom Autor und welcher vom Porträtieren stammt. Nicht selten fließen Argumentationsstränge Oplatkas fast subtil in Biografisches über oder vice versa. Man erfährt spannende Details über Fischers Weg nach Wien, über Fischers Sicht auf Kollegen, wie Harnoncourt, aber auch auf Unwägbarkeiten von Bürokratie und Co. Das Bild, das gezeichnet wird, ist kein strahlendes. Es ist manchmal rostig, manchmal sogar überraschend kritisch. Indes höflich in Zwischentönen gehalten, wenn es etwa um Misserfolge oder eine Tendenz zu mangelnder Durchsetzungsfähigkeit gegenüber Orchestern geht. Doch ist es wirklich so? Dies gilt auch für so manches Urteil über politische Umstände oder kulturhistorische Bestandsaufnahmen, wie das recht harte Aburteilen von Medien.

Zurück zur Soiree: Fischer zeigte sich an diesem Abend nicht nur ganz pur, in seiner einerseits zurückhaltenden und fast scheu wirkenden Art und zeitgleich fast lausbübischen Lust an der sowohl musikalischen als auch feinen intellektuellen Pointe, sondern gewährte auch einen zusätzlichen Einblick in seine Persönlichkeit. Bei dem Dialog, der als Vorstellung der Biografie gedacht war, moderiert von Maja Ellmenreich vom Deutschlandfunk, mit seinem Freund, den ebenfalls in Ungarn geborenen Schweizer Journalisten Oplatka, wurde eines offenbar: Fischer sieht all dies mit einem gesunden Augenzwinkern. Wie die Zwischenklatscher in der genial interpretierten Haydn-Sinfonie D-Dur Hob 1:104. Jubel.

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