Wenn Senecas auf Dialektik und Performance trifft

FFT : Wenn Seneca auf Dialektik und Performance trifft

Claudia Bosses „Thyestes Brüder! Kapital“ wird am Mittwoch uraufgeführt. Ein dialektischer Vorgeschmack.

Manche antike Geschichte ist bisweilen nur schwer verdaulich. Im Falle von Thyestes von Seneca ist diese Metapher wörtlich zu nehmen, denn in der Geschichte geht es – arg verkürzt zusammengefasst – um Atreus, der seinen Bruder Thyester aus Rache unwissend seine eigenen Kinder verschlingen lässt. Blutrünstig, schrecklich. Doch lässt sich dieses kannibalistische Bild auch trefflich als Folie für politische, gesellschaftliche, gar philosophische Betrachtungen nutzen. „Die Revolution frisst ihre Kinder“ – ja, und so manches Phänomen hat, die neuartigen, frischen „Kinder“, die es hervorgebracht hat, wieder in sich verschlungen.

Um diese dialektische Implikation, indes nicht das körperlich direkte vernachlässigend geht es auch Claudia Bosse (Theatercombinat), dessen Interpretation von Thyestes am 11. September in Düsseldorf uraufgeführt wird. Auf Einladung des FFT lässt sie in der Botschaft am Worringer Platz Senecas Stoff auf Gesellschaftskritik und performative Kraft stoßen. „Es gibt in Marx´ Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie eine fast schon Beckettsche Redundanz oder Reduktion, wo es um die Abhängigkeiten von Produktion und Konsumoption geht. Dass das Produkt den Konsumenten schafft, aber auch das  Bedürfnis nach dem Konsum – das bringt die Einverleibung der Kinder nochmal in einen anderen Zusammenhang“, beschreibt sie den Bezug, den sie implizieren möchte. „Die Kinder sind eine Metapher für Zukunft“, führt sie weiter aus in einem Vorgespräch in den Räumen, die Schauplatz ihrer Performance sein werden.

Den großen Theaterraum hat sie mit einem Teppich auslegen lassen, wird in Dialog mit den räumlichen Gegebenheiten treten, wie bei allen ihren Arbeiten. Die Premiere in Wien (Kasino am Kempelenpark) wird somit eine ganz andere sein. „Mich hat es sehr interessiert, mit den Mitteln der letzten zehn Jahre, die Direktheit von der sprachlichen Verwendung und wie das auf die Körper einwirkt, als Material zu öffnen“, sagt Bosse, die ein Team aus zwei Schauspielerinnen, zwei Tänzerinnen und einem Performer zusammengestellt hat. Zudem gibt es einen kleinen Chor mit Jugendlichen.

„Das Verschlingen und das Ausspeien, das Ausspeien der Worte, das Sprechen, was alles im Schlund zusammenrennt, sind verschiedene Momente, die mich interessieren“, so spielt das Körperliche und dessen Spiegelung im Wort eine zentrale Rolle. Es sind eindrückliche Bilder zu erwarten – vielleicht nichts für schwache Nerven. „Die Zuschauer und Akteure teilen sich den Raum, lediglich zu Beginn wird es eine Trennung geben, die aufgelöst wird“, führt Bosse aus. „Körper als Atem, als Sprache, als Nähe ist sehr wichtig – die Akteure legen am Anfang ihre Kleidung ab und begegnen mit ihrem gegenwärtigen biographischen Leib diesen Texten und die Texte begegnen ihnen. Die Transformation ist offen zwischen der Einverleibung und der Veräußerlichung der Sprache“ – was vielleicht abgehoben oder komplex klingen mag, ist indes etwas Natürliches, fast schon Ursprüngliches: Menschen, die sich auf Emotionen einlassen. Emotionen, die durch Worte genährt werden, wiederum zurückfallen auf das Gesagte und Gedachte und somit einen Kreislauf der Empfindungen nähren. Ähnlich dem Kreislauf in Marx´ Theorien, in denen sich steter Wandel widerspiegelt.

Uraufführung, Mittwoch, 11. September, 20 Uhr in der Botschaft (Worringer Platz).

fft-duesseldorf.de