Tanzhaus NRW: Wenn Drohnen tanzen

Tanzhaus NRW : Wenn Drohnen tanzen

Eine Perfomance im Tanzhaus NRW widmete sich den kleinen Flugkörpern. Sie können auch bedrohlich sein.

Sind Drohnen bedrohlich? Dies hängt nicht zuletzt von dem Standpunkt, von dem Ort und von den Umständen ab, bei denen sie uns begegnen. Für die Menschen in Gaza etwa haben Drohnen, ihr immer wieder durch die Lüfte ziehendes Surren und Brummen durchaus etwas Bedrohliches. Lebensbedrohliches mitunter. So soll es Menschen dort geben, die anhand der Geräusche, die eine Drohne macht, beurteilen können, ob von der Drohne, die gerade in der Luft fliegt, eine Bedrohung ausgeht oder nicht. Beobachtungsdrohnen klingen lauter, fliegen tiefer, umkreisen ein Viertel. Drohnen, die Waffen tragen, fliegen höher, klingen weiter weg. Eric Minh Cuong Castaing thematisiert die Drohne, dieses kleine, bisweilen auch größere Fluggerät in seiner Choreografie, die jedoch viel mehr als Tanz ist, auf vielschichtige Weise. Sein Werk „Phoenix“, Performance-Kunst im wahrsten Sinne des Wortes, erlebte nun seine deutsche Erstaufführung im Tanzhaus NRW.

Stille, vielleicht bedrohliche Stille, liegt auf dem Zuschauerraum in Tanzhaus. Dunkelheit. Plötzlich Licht und es zeigt sich die Bühne so nackt wie selten im Tanzhaus. Nur eine große Leinwand hinten ist zu sehen, die noch eine wichtige Rolle spielen wird. In die Stille mischt sich ein Surren, ein luftiges sich bewegendes Surren. Eine recht große Drohne, gesteuert durch Scott Stevenson, fliegt langsam aber stetig über die Köpfe des Publikums hinweg. Bahnt sich seinen Weg durch die Luft gen Bühne. Die Tänzer in reduzierten langsamen Bewegungen scheinen sie zu erwarten, mit ihr auf sonderbare Weise zu interagieren. Dies wird im Laufe des Stückes noch mehr werden. Es wird ein Tanz der Lüfte, ein ambivalenter Tanz indes. Die Drohne kommt den Tänzern bedrohlich nahe, spielen sie miteinander, oder überwältigt sie sie, bedrängt sie sie? Die Bewegungen mögen für viele Betrachter defensiv wirken, als wollten sie sich vor der Drohne schützen. Alsbald nehmen die Tänzer selbst die Fernsteuerungen kleinerer Drohnen in die Hand, nach und nach summiert sich ein summendes Luft-Ballett um die Bühne. Kreisend, sich umkreisend, entsteht eine sonderbare Stimmung zwischen Faszination und Zweifel, zwischen vielleicht sogar Mystik des Technischen und Abschreckung.

Ein Mikrofon sorgt für die Verstärkung des Klangs. Alsbald werden die Tänzer selbst zum Klangerzeuger. Sie imitieren den Drohnenklang. Eingebettet in eine Erzählung durch Tamara Saade, die zeitgleich später als Übersetzerin fungieren wird. Sie berichtet über die wundersame Beziehung der Menschen in Gaza zu Drohnen, berichtet über deren Schrecken, über den Galgenhumor, mit dem sie die Geräusche in einer Art Drohnen-Symphonie nachahmen.

Der große Clou. Gegen Mitte des Stückes kann das Publikum Zeuge einer Live-Schalte per Skype nach Gaza werden. Dort wartet Dabke-Tänzer Mumen Khalifa und erzählt von seiner Lage. Wird selbst Tanzen, die Internetverbindung macht indes immer wieder einen Strich durch die Rechnung. Ein zufälliges, aber sprechendes Symbol, wenn man es so möchte. Erneuter Szenenwechsel führt zu einem Video der B-Boy-Gruppe Myus GB Crew vor dem Hintergrund eines bombardierten Gebäudes in Gaza. Sie nutzen eine Drohne, um ihren mutigen Tanz auf den Ruinen eines Gebäudes zu filmen. Befreiung durch Mut. Durch Emporsteigen, begleitet aus luftigen Höhen von einem künstlichen Auge, der Drohne. Das alles sind Drohnen. Das alles ist aber auch reichlich eklektizistisch. Das spärliche Publikum ist etwas ratlos.

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