Fotografie: Weltstadt in Schwarz-Weiß

Fotografie : Weltstadt in Schwarz-Weiß

Die Galerie Clara Maria Sels zeigt Fotografen, die den Big Apple ohne Farbe festhielten: mit Stars, menschenleer oder nach dem Terror.

Ein Mann mit halblangen Haaren und nacktem Oberkörper lehnt auf einer Balustrade hoch über den Dächern von New Yorker Wolkenkratzern. Daneben fällt der Blick auf leere Straßen mit scharf geschnittenen Schatten oder in ein gereinigtes Schnell-Restaurant: Tische und Stühle sind geometrisch angeordnet. „Empty New York“ nennt Duane Michals die Foto-Serie, die heute zu den Klassikern der Schwarz-Weiß-Fotografie zählt. Bereits nach kurzer Zeit setzt die Fantasie des Betrachters ein: Obwohl menschenleer, so assoziiert man schnell Szenen in der Mega-Metropole. „I’m a storyteller“ (Ich bin ein Geschichten-Erzähler), erklärt der 86-jährige Fotokünstler in einem Interview. Einige seiner Werke werden jetzt in einer Ausstellung bei Clara Maria Sels ausgestellt und zum Verkauf angeboten.

Ebenso New York-Bilder von Fotografen der Nachfolge-Generation: Peter Marifoglou (64) ist mit Schwarz-Weiß-Bildern aus den 70er Jahren vertreten, Gabriele Croppi (44) indes mit Szenen aus 2002, aus dem New York nach dem Terroranschlag des 11. September 2001. Auf seinen Tintenstrahl-Drucken vom Ground Zero oder der Manhattan Bridge wirken die schwarz-weißen Kontraste noch stärker als bei seinen Kollegen. „NY, I’m longing to stray“ (NY, Ich sehne mich danach zu streunen) nennt Galeristin Sels die Schau, die noch bis Ende Januar in ihren Räumen im Hinterhof der Poststraße 3 zu zu bewundern sind.

Der Titel der Schau bezieht sich auf ein weiteres Zitat von Michals, der sich selbst mal als „Foto Flaneur“ bezeichnete. Fasziniert von der Morgendämmerung macht sich Duane Michals wohl auch heute noch auf den Weg mit Kamera und auf die Suche nach geeigneten Motiven. Es ist fünf Uhr morgens. Langsam dringt Licht ein, überwindet das Dunkel der Nacht. Straßen, Lokale, Hochhäuser – alles leer. Erstaunlich, welche Ruhe, Gelassenheit und Langsamkeit die Exponate ausstrahlen – Bilder aus dieser sonst so lauten und schnellen Stadt. Der ästhetische Effekt gelingt scheinbar nur auf Schwarz-Weiß-Bildern. Dieselbe Szene in Farbe? Unvorstellbar. Zumindest trivial wäre sie, und sicher kein Eye-Catcher.

Wie eine Skulptur inszeniert Michals den Männerakt auf dem Titelbild. Es ist Joe Dallesandro, ein bildschöner Schauspieler, der durch Filmemacher in den 1970ern zum männlichen Sexobjekt stilisiert wurde – von dem sich Frauen und Männer gleichermaßen angezogen fühl(t)en. Durch Andy Warhol gelangte Dallesandro dann ins internationale Filmkunst-Geschäft, da sich der Pop-Art-Star hoffnungslos in das Model mit Idealmaßen verliebt hatte. So krönt die Schau bei Sels ein Porträtfoto, das Michals 1962 vom jungen Warhol (damals 34) anfertigte. Hintergründiges Lächeln, den Kopf in die Hände gestützt, dahinter seine berühmte Wand mit den aufgetürmten Dosen der „Campbell-Soups“. Das Spitzenexponat (Nr. 2 einer 25er Auflage) hat mit 12 500 Euro einen stolzen Preis.

Zurück zum Big Apple. Ganz so ‚empty’ (leer) sind die Fotos von Gabriele Croppi nicht. Wie Spielzeugfiguren wirken einzelne Gestalten: Sie tauchen meist nur zur Hälfte aus dem Dunkel auf. Auf den Exponaten (ab 3000 Euro pro Exemplar einer Neuner-Auflage) dringt nur wenig Licht in die pechschwarzen Häuserschluchten am „Hamsley Square“, „Rockefeller Center“ oder „Lexington Avenue“. Wesentlich heller dann das Werk „Guggenheim“ – vor dem ringförmigen Gebäude des Guggenheim-Museums. Hier geht neben einem Auto sogar ein Mensch vorbei.

Wesentlich härter bildet Pete Marifoglou die Wirklichkeit von New Yorker Vororten ab. Keine elegante Architektur, sondern schnöde, funktionale, meist ein wenig vergammelte Gebäude von zwei Stockwerken. Schilder wie Snack Bars, Wax Museum, Baths, 10 Cents Win oder Pappas Bar Grill. Oder die Eingangstür zu einer Männertoilette („Men“). Alle diese Momentaufnahmen erzählen ganz andere Geschichten aus der alltäglichen Weltstadt. Kein Glanz und Gloria. Fern jedes stilisierten Bildes, fern jeden Klischees, an das sich die meisten New-York-Besucher doch so gerne erinnern. Kein Wunder, dass Marifoglou, der bereits mit 14 in den Andy-Warhol-Studios arbeitete, diese Szenen auf Kleinformaten (20 mal 28 Zentimeter, 12er Auflage) präsentiert. Preis: 1000 Euro.

Ausstellung „NY, I’m longing to stray“, bis 31. Januar in der Galerie Clara Maria Sels, Poststraße 3.

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