Waffenmeister im Düsseldorfer Untergrund

Waffenmeister im Düsseldorfer Untergrund

Wenn auf der Bühne gekämpft und gestorben wird, haben die Waffenmeister der Rheinoper, Georg Winterholler und Rolf Pietzsch, viel zu tun.

Düsseldorf. Aus der Ferne hört man dumpfes, waberndes Rollen. Es sind die ratternden Waggons der U-Bahn, die man 15 Meter unter der Erde wahrnimmt — im Kellergewölbe des Opernhauses. Hier im Beton-Labyrinth unterhalb der U-Bahn-Station Heinrich-Heine-Allee, in dem rund 50 000 Kostüme von zahlreichen Opern- und Ballett-Produktionen lagern, liegt auch das Reich der Waffenmeister.

Foto: Judith Michaelis

Es sind zwei kleine Räume hinter gepanzerten Tresor-Türen. Das sei Vorschrift, so Georg Winterholler (52) und Rolf Pietzsch (53). Sie müssen es wissen. Die beiden staatlich geprüften Waffenmeister der Deutschen Oper am Rhein kennen sich aus in Waffen-, Sprengstoff- und Brandschutz-Gesetzen. Denn bevor sie dieses Amt übernahmen, mussten sie Lehrgänge und Prüfungen absolvieren.

Der gebürtige Thüringer Pietzsch hat die Schlüsselgewalt für die einbruchsicheren Räume seit 2004, seit 2009 auch Winterholler. Denn auf der Bühne wird nicht mit Attrappen geschossen. Zwar kommen in „Carmen“ oder „Lucia die Lammermoor“ nur Platzpatronen zum Einsatz, aber gefeuert wird aus echten Knarren, Karabinern von 1914, Gas-Revolvern und Hinterladern. Auch alte Maschinengewehre aus dem Zweiten Weltkrieg gibt es.

Gerade bei tragischen Musikdramen soll alles, wenn es knallt, möglichst echt wirken, muss aber auch den Arbeitsschutz- und Sicherheitsbestimmungen entsprechen: So führen Winterholler oder Pietzsch die Darsteller in den Gebrauch ein. Letztere müssen diese Unterweisung schriftlich bestätigen.

In der zweiten Kammer lagern an die 60 Speere mit polierten Spitzen, knapp drei Meter hoch, Degen und Hellebarden, die einst Ritter in Turnieren benutzten und heute in Wagner-Opern Furcht einflößen sollen — und auch von Sängern des Opernchors getragen werden.

Stolz zeigen die Waffenmeister eine Rarität: einen Gehstock, in dessen Gehäuse ein Degen versteckt ist. Dieser „Stock-Degen“ steht auf der Schwarzen Liste, das heißt der Besitz ist verboten, er wird daher auch diebstahlsicher gelagert.

Auch morgen haben sie wieder Dienst. In Verdis „Don Carlo“ kommen nicht nur zahlreiche Waffen, sondern auch Fackeln zum Einsatz. „Abstand halten!“, ruft Winterholler, der sich in der Bühnengasse versteckt, eindringlich in Richtung Chor. Autorität muss sein. „Safety first“ lautet die Devise der Waffenmeister, die auch Pyro-Techniker sind und den Paragrafen 20 des Sprengstoff-Gesetzes fast auswendig können.

„Ihr habt Feuer in der Hand, daher dürft Ihr einer anderen Person oder der Kulisse nicht zu nahe kommen“, warnen die Waffenmeister die Darsteller. Die Flammenstäbe im „Don Carlo“ sind Sicherheitsfackeln, getankt mit reinem Alkohol. Wenn jemand stolpert und die Fackel loslässt, schließt sie sich automatisch, in nur wenigen Sekunden. Selbst bei vorschriftsmäßiger Verwendung, brennen sie maximal vier Minuten.

Das Duo hat natürlich Einfluss auf die Inszenierung. „Manche Regisseure wollen mitunter echtes Feuer für die Premieren“, sagt Winterholler. Doch wenn eine Gefährdung entstehen könnte, zeigt ihr Finger nach unten. Stets in Absprache mit dem Technischen Direktor, der dann die letzte Entscheidung fällt.

Wie wird man Waffenmeister? Unterschiedlicher als bei den beiden könnten die Voraussetzungen nicht sein. Rolf Pietzsch kam als gelernter Schlosser durch Zufall zum thüringischen Landestheater Altenburg. „Stahlbau war nicht mein Ding“, sagt er. Er ging an das Dreisparten-Haus, bildete sich dort als Pyrotechniker weiter. Was als Übergang geplant war, wurde von 1983 bis 2000 zum festen Arbeitsplatz. Als Pyrotechniker war er auch für die Tanzshow „Celtic Life“ tätig, bevor er im Jahr 2004 zur Rheinoper wechselte.

Georg Winterholler ist seit 30 Jahren am Haus. 13 Jahre war der athletische, blonde Bayer als Tänzer auf der Bühne zu bewundern, unter den Direktoren Paolo Bortoluzzi, Heinz Spoerli und Youri Vámos. 1998 hörte er wegen Rückenproblemen auf, war aber immer schon handwerklich begabt und hatte Spaß an Requisiten. Zunächst reichte er seinen Ex-Kollegen Sträuße und Teller an, die er als Tänzer selbst vom Requisiteur in Empfang genommen hatte. Bevor er einen Waffenkunde-Lehrgang absolvierte und 2009 die Waffenmeister-Stelle bekam, rackerte er jahrelang als Bühnen-Techniker, schob und baute Kulissen.

Ist denn ein Waffenmeister auch ein Waffen-Narr? Unisono antworten beide — wie aus der Pistole geschossen: „Mit Sicherheit nicht.“