Virtuose Computer-Kunst: Neuenhofer und Seifert im Neuen Kunstraum Düsseldorf

Matthias Neuenhofer und Gabriele Seifert : Virtuose Computer-Kunst im Neuen Kunstraum Düsseldorf

Im Neuen Kunstraum ist eine Ausstellung von Matthias Neuenhofer und Gabriele Seifert zu bewundern.

Das Plakat, das zum Neuen Kunstraum (NKR) führt, hängt windschief im Fenster. Sollten die Künstler, die dieses Projekt mit Unterstützung des Kulturamtes kuratieren, ihren Mund zu voll genommen haben? Ist es doch wieder der Einheitsbrei der letzten Jahre? Das Gegenteil ist der Fall. Die Schau, die das Duo Detlef Klepsch & Anne Schülke organisiert, ist sensationell. Endlich Computer- und Video-Arbeiten als Kunstwerke und nicht als Überraschungs-Effekte, wie so oft im NRW-Forum. Matthias Neuenhofer (Jg. 1965) ist einer der besten Kenner der Szene, Lehrbeauftragter der Kunstakademie für Computer und Video und in Fachkreisen gut vernetzt.

Er studierte wie seine Frau Gabriele Seifert an der Kunstakademie als Meisterschüler des Video-Pioniers Nam June Paik. Der große Meister glänzte zwar in der Regel durch Abwesenheit, aber die Studenten durften den Raum benutzen und mit einem Medium arbeiten. Für Neuenhofer war dies die Chance seines Lebens. Im  Projektionskabinett zeigt er, wie er  1988 bis 1995 mit klassischen Video-Kameras und Monitoren, mit Glas und Licht arbeitete, um Videobilder zu verändern. Allein diese Anfänge zeichnen ihn als abstrakten Künstler aus. Es entstehen malerische Experimente in neuen Medien.

Die Programme tanzen nach der Pfeife des Künstlers

Nach 2000 begann er zu programmieren, um unabhängig von Vorgaben der Ingenieure und ihrer Firmen zu werden und seine eigene Handschrift zu gewinnen. Seitdem tanzen die Programme nach seiner Pfeife. Er entlockt ihnen nie gesehene, künstliche Farben und Formen, während er mit Licht und Geschwindigkeiten agiert. Er sagt: „Ich sitze am Computer, spiele live, verändere permanent die Parameter und nehme auf, denn ich bin Künstler.“ Er verzichtet also auf die Kamera und deren filmische Ergebnisse und reflektiert stattdessen das Medium. In jüngeren Arbeiten bezieht er verfremdete Kameraaufnahmen mit ein, um diverse Computeralgorithmen auf sie anzuwenden. Dadurch entstehen komplexe Kompositionen.

Eine Meisterleistung ist „Mushroom“ (Pilz, 2019). Dabei wirbeln sechs Projektionen und diverse Geräusche wohldurchdacht durch den großen Raum. Sie enthalten Materialien, die Neuenhofer im Laufe der letzten zehn Jahre gesammelt hat, darunter 160 verschiedene Aufnahmen von Pilzsorten aus dem Naturschutzgebiet Wahner Heide.

Die Geschichte mit dem Pilz ist kein Zufall, denn dessen Fruchtkörper kommt sehr schnell aus der Erde, aber der eigentliche Pilz bleibt unter der Erde, ist also für den Betrachter gar nicht sichtbar. Dennoch ist ein Pilz einerseits ein Zeichen der Vergänglichkeit, andererseits eine skulpturale Form. Und hier setzt der Künstler an, zerlegt die gegebene Form in unzählige geometrische Formen, aus denen er neue algorithmische Strukturen entwickelt. Er weiß längst, wie er Formen, Farben und Licht kontrollieren und beeinflussen kann und in welche Richtung sich die Elemente entscheiden werden. Er lässt auch den Zufall  in all seinen Programmiersprachen spielen. Das Ergebnis sind prächtige Farben und Bilder in einer zehn Meter breiten Projektionswand.

Leuchttürme explodieren und verwandeln sich in Grafismen

Dabei faszinieren malerische Momente und dynamische Formen, die zu Leuchttürmen werden, bevor sie explodieren und sich in grafische Oberflächen verwandeln. Hier lotet gleichsam ein Klavierspieler die Grundlagen und Bedingungen des technischen Bildes aus. Um seine Kunst im Neuen Kunstraum bestens zu präsentieren, hat er über Ostern aus seinen Pilzformationen Farben entwickelt, Formen verändert, ins Dreidimensionale animiert, ins Zweidimensionale zerlegt und die Ergebnisse neu zusammengesetzt, um verschiedene Computeralgorithmen auf sie anzuwenden.

Die Arbeit „Spuren wandeln“ ist eine Koproduktion mit seiner Frau Gabriele Seifert. Sie entstand 2009 bis 2011 auf gemeinsamen Spaziergängen durch die Wahner Heide unweit des Flughafens Köln-Bonn. Hierbei arbeiteten sie mit einer Videokamera und mit GPS-Tracks, die die Standorte und Bewegungen beim Wandern aufnahmen und als grafische Spuren darstellten. Der Betrachter sieht die Summe aller realen Einzelbilder der Kamera, die im Verlauf der Zeit und Bewegung im medialen Bild zusammenkommen. Zugleich werden statische Fotos, die auf Zeichnungen und Gouachen per Hand basieren, ins Video eingeschleust. So kommen die Beine beim Gehen über Pfützen und  Wege, aber auch die Pilze, das Moos und der Flugzeugplatz zur Ansicht. Es hebt ein reales Flugzeug ab, und es wird letztlich alles in verschiedenen Bildebenen und Bewegungen kombiniert. Die fantastischen Farben aber entstehen an den Rändern des Videos, das sich mit jedem Schritt und jeder Bewegung verschiebt.

Neuenhofer war Assistenzprofessor an der Kunsthochschule für Medien in Köln, ist derzeit Dozent an der Akademie und bester Anwärter, wenn es um eine neue Professur für Video und Computerkunst geht. Kaum jemand beherrscht wie er die bildnerischen Ebenen der medialen Sprache. Es ist bezeichnend, dass die Ausstellung weder in der Kunstsammlung noch im Kunstpalast ihre Premiere hat, sondern in einem Raum, den Künstler betreuen.

Ein Detail nebenbei sind fünf Pflänzchen am Fenster aus einer Tomatensorte mit freier Lizenz. Das bedeutet, dass der Samen frei ist und dass keine Gelder an Konzerne gehen, ohne dass es der Kunde merkt.