Tony Cragg zeigt Skulpturen im Düsseldorfer Ehrenhof

Bildende Kunst : Tony Cragg zeigt Skulpturen im Ehrenhof

Zwischen Kunstpalast und Tonhalle präsentiert der Wuppertaler Bildhauer Tony Cragg seine jüngsten Werke. Die Open-Air-Schau wird am Mittwoch in Düsseldorf eröffnet.

Endlich hat auch die Landeshauptstadt wenigstens vier Skulpturen von Tony Cragg im öffentlichen Raum. Sie bevölkern seit gestern den Ehrenhof und machen die Grünfläche zwischen Tonhalle und Kunstpalast zum „Hof des Museums“, wie Generalintendant Felix Krämer es nennt. Sie treffen auf ideale Bedingungen, denn der Ehrenhof ist vor dem Straßenlärm geschützt.

Die Sonne erleuchtet geradezu die allerneueste Edelstahl-Doppelskulptur, die bis zu 6,50 Meter in den Himmel ragt. Sie hatte erst am Vortag die Edelstahlgießerei verlassen und funkelte nun im Sonnenlicht. Auch eine weiße, sich auftürmende Arbeit aus Fiberglas feiert Premiere. Der Künstler und sein Team unter Werkstattleiter John McCormack leisteten Schwerstarbeit, um rechtzeitig zur Vernissage heute Abend die tonnenschweren Werke zu platzieren. Sie werden allerdings nur fünf Monate bleiben, handelt es sich doch lediglich um eine Ausstellung und keinen Skulpturenpark wie in Wuppertal.

Eine weiße Polyester-Skulptur wie auf der Seventh Avenue in NY

Schon von der Tonhalle aus ist das weiße Monument aus Carbon- und Glasfaser (Polyester) sichtbar. Für das Rheinland ist eine solche Arbeit etwas Neues. Aber Tony Cragg hatte eine noch viel größere, helle Skulptur schon auf der Seventh Avenue in New York aufgestellt. Dort freute er sich, wie gut sie ins urbane Umfeld passt. Das gilt auch für Düsseldorf, wo sie der Fassade des Kunstpalastes einen neuen Schwung verleiht.

„Mean Average“ nennt er sie, und erklärt: „Die Deutschen sprechen gern vom gemeinen Volk. Das hört sich so böse an. Der Durchschnitt ist ja eigentlich großartig. Warum soll er gemein sein?“ Ein Lob also des Künstlers ans Volk.

Wer näher an das kolossale Werk tritt, ist erstaunt über die organischen Einzelteile. Weil sie ihren Schöpfer an Knochen erinnern, hat er kein klares Weiß für die Außenhaut gewählt, sondern ein „Knochenweiß“. Knochen faszinieren den Bildhauer, der immer auch ein Naturwissenschaftler ist. Von der Form her handelt es sich um Ellipsen, die eine Komposition bilden.

„Meine Arbeit ist dem Leben geweiht. Ich will immer etwas Vitales.“

Tony Cragg, Künstler

Triumphal kommt die silberne Doppelstele daher, die gestern noch aus ihren Wolltüchern befreit werden musste. „Points of View“ („Standpunkte“) nennt sie sich. Auch sie wurde aus elliptischen Säulen konstruiert, aber enthält auch unzählige Gesichtsprofile, als gebe es zwischen den Stelen einen heftigen Dialog. Zugleich scheinen sich die Figuren über die „Aurora“ von Arno Breker über dem Sammlungsflügel lustig zu machen.

Skulpturen sind gemeinhin statisch, aber Tony Cragg lädt seine Erzeugnisse mit Energie auf. Das geschieht, indem der jeweilige Körper aus vielen Perspektiven besteht und dadurch dekonstruiert, instabil, wie aufgelöst in unzählige Zwischen-Bewegungen erscheint.

Der Künstler pflegt im Gespräch zu sagen: „Meine Arbeit ist dem Leben geweiht, wenn man das sagen kann. Ich will immer etwas Vitales. Wenn ich auf dem Boden energielos liegen würde, fände ich das für mich persönlich uninteressant. Aber wenn es hochgeht, müssen die Muskeln angezogen sein. Ich hasse Skulpturen, die wie Klumpen aussehen.“

Die Energie entlädt sich selbst in kleineren, aber immer noch tonnenschweren Bronzen. „Trauerweide“ („Willow“) nennt er ein Beispiel Vis à Vis vom NRW-Forum. Er erklärt, wie es in Schweden, wo er wie in Wuppertal ein großes Atelier hat, zu der Bezeichnung kam: „Dort gibt es eine Trauerweide. Und es gibt am Meer sehr viel Wind. Ich habe bemerkt, dass sich der Baum bei Sturm dreht. So absorbiert er über seine ganze Länge die Spannung. Er dreht sich wie eine Feder. Das ist besser, als wenn er sich biegen würde.“

Die vierte Arbeit, gleichfalls eine Bronze, trät den Titel „3D-Incidence“, was sich als „3D-Vorfall“ übersetzen lässt. Hier tritt jener leise Humor zutage, der dem Briten eigen ist. Denn eigentlich ist Tony Cragg kein Computerfan. Die digitale Technik benutzt er höchstens, wenn er eine Zeichnung im Modell auf ihre Wirkung als Skulptur überprüfen will. Ansonsten entwickelt er aus der Zeichnung heraus die dreidimensionale Arbeit und überprüft sie in unendlich vielen Schritten, bevor er sie in seiner Werkstatt und anschließend in der Metallgießerei realisieren lässt.

Ein genialer Zeichner von Kindesbeinen an

Das Zeichnen ist noch heute für ihn der Beginn eines neuen Werkes. Mit dem Bleistift umkreist er gedanklich seine zukünftigen Skulpturen und lässt die Silhouetten einander durchdringen. Forschend, neugierig, insistierend, aber auch verspielt ist sein Blick auf Formen und Denkmodelle.

Seine Zeichnungen sitzen von Anfang an. Da muss nichts korrigiert oder radiert werden. Die Kontur kommt klar, präzise und schnell daher, ohne dass er den Bleistift absetzen muss. Die Zeichnung ist für ihn ein Spiegelbild des sinnlichen und bildlichen Denkens. Die Linie erzeugt alles, die Situation, die Gesetze, die Strukturen, die Erzählung, die Konstruktion.

Schon der 25-Jährige war für neun Monate erstmals Professor

Ein Wort noch zum Lebensweg dieses ungewöhnlichen Mannes. Anthony Douglas Cragg, so sein offizieller Name, war Student in der Bildhauerei-Abteilung am Royal College, als ihn eine Delegation des französischen Kultusministeriums nach Metz holte, damit er das britische Modell einer Kunsthochschule erklärt. So wurde der 25-Jährige für neun Monate erstmals Professor. 1977 ging er der Liebe wegen nach Wuppertal und blieb. 1978 erhielt er unter Rektor Norbert Kricke einen Mini-Lehrauftrag an der Kunstakademie Düsseldorf im Orientierungsbereich. Nach einem Semester wurde das Gehalt verdoppelt. Nach einem Jahr wurde er Dozent. 1988 berief ihn Markus Lüpertz zum Professor. 2009 bis 2013 war er selbst Rektor.

Er gehört zu jenen Menschen, die von sich behaupten: „Ich kann nicht nichts tun. Ich muss immer etwas machen.“ Von der Tatsache, dass er seine Karriere als Chemielaborant in einem Forschungslabor startete, redet heute niemand mehr.

Mehr von Westdeutsche Zeitung