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Tonhalle: szenisch-musikalische Uraufführung von „Zweig und Eselin“

Uraufführung in der Tonhalle : Wie Religion und Politik eine feine Symbiose bilden

In der Tonhalle feierte die Musiktheater-Komposition „Zweig und Eselin“ Premiere. Bojan Vuletics Werk gilt 1700 Jahren jüdischem Leben in Deutschland.

„Die Vögel und die Kriechtiere – es reut mich, sie geschaffen zu haben.“ Dieser dem Herrn in der biblischen Schöpfungsgeschichte selbst zugeschriebene Seufzer war eines von unzähligen Zitaten historischer, biblischer und literarischer Quellen. Ausgestoßen wurde der Seufzer mal in deutscher, mal in hebräischer Sprache von einem Gesangstrio aus Sopranistin, Altistin und Bass.

Es nahm in der fulminanten Uraufführung von „Zweig und Eselin“ in der Tonhalle den Part des kommentierenden Chores in der klassischen griechischen Tragödie ein. Das Religiöse mit dem Politischen, das Menschliche mit dem Literarischen – irgendwie ist alles verwoben. Das suchte die Gemeinschaftsproduktion des israelischen Dramatikers Shlomo Moskovitz und des Komponisten Bojan Vuletic abzubilden. Ihre musikalische Entsprechung fand diese Gemengelage, die sich durch sämtliche Epochen christlicher wie jüdischer Geschichte zieht, in einer durchweg überzeugenden Ensemble-Leistung. Sie arbeitete sich mit Verve durch die kompositorischen Vorgaben Vuletics. Von atonalen Exzessen bis zur geschmeidigen Eleganz eines Hollywood-Soundtracks: Die Musiker und Sänger bewältigten ihre Aufgaben unter Leitung von Cymin Samawatie mit Eloquenz und spürbarer Spielfreude. Zu Publikumslieblingen avancierten Trompeter Nate Wooley und insbesondere die begeisternde Sopranistin Marie-Audrey Schatz. Ins Zeug legten sich auch ihre schauspielenden Kollegen: Philipp Alfons Heitmann nahm man den an sich selbst und der Welt verzweifelnden Stefan Zweig durchaus ab.

Die erste Geige musste Heitmann dennoch seiner Kollegin Hanna Werth überlassen, wie Heitmann Ensemblemitglied des Düsseldorfer Schauspielhauses. Ihrer Eselin, vom Dramatiker der Geschichte vom Propheten Bileam und dem Esel im 4. Buch Mose entlehnt, gab sie facettenreich Gestalt. Mal warm und einschmeichelnd, mal mit der unterkühlten Dominanz einer Gothic-Queen auf der Club-Tanzfläche widmete sie sich mit großer Hartnäckigkeit ihrer göttlichen Aufgabe, den lebensmüden Schriftsteller auf den rechten Weg zurückzuführen.

Das Stück geizte nicht mit Facetten und Wendungen, es forderte sein Publikum mit der Fülle der Anspielungen und Zitate nicht unerheblich. Dabei warf die Aufführung mehr Fragen auf, als sie beantwortete, was mitnichten einem Mangel gleichkam. So thematisierte der Israeli Moskovitz durchaus kritisch zionistische Bestrebungen und stellte gar das Existenzrecht des Staates Israel auf den Prüfstand. Der Schlussapplaus begann zaghaft, um sich dann immer weiter zu steigern.