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Musiktipps: Tipps für die Corona-Zeit von Musikexperten

Musiktipps : Tipps für die Corona-Zeit von Musikexperten

Wir haben Vom Ritchie (Die Toten Hosen), Sammy Amara (Broilers) und Koljah Podkowik (Antilopen Gang) nach ihren musikalischen Vorlieben und Tipps während der Corona-Krise gefragt und von ihnen interessante Antworten erhalten.

Die Corona-Krise zwingt die Menschen dazu, mehr Zeit als je zuvor daheim zu verbringen. Das bedeutet: Man hat mehr Zeit, sich Dingen zu widmen, die zuvor vielleicht zu kurz kamen. Zum Beispiel: Musik. Manch einer hört nun mehr davon. Oder anders. Manch einer entdeckt neue Musik. Viele legen besonders fröhliche Songs zum Mutmachen auf. Oder Singer-Songwriter-Platten, weil jetzt wieder lange Geschichten gefragt sind. Wir haben ein paar Musikexperten aus Düsseldorf nach ihren Vorlieben und Tipps gefragt: Vom Ritchie (Die Toten Hosen), Sammy Amara (Broilers) und Koljah Podkowik (Antilopen Gang). Ihre Antworten im Gespräch fielen mal kurz und knapp aus. Mal ausschweifend. Mal ernst. Mal ironisch.

Welche Musik empfiehlst Du für die Zeit der Ausgangssperre?

Koljah Podkowik: Irgendwas Negatives, schlecht Gelauntes. Auf keinen Fall etwas Gemeinschaftsstiftendes, das die Nachbarn mögen. Vielleicht das Album „Beat The Bastards“ von The Exploited. Das ist die brachiale Platte einer unsympathischen, grotesken Band.

Sammy Amara: Ich würde den Tag in unterschiedlichen Intensitäten befeuern. Vielleicht recht ruhig, aber nicht zu ruhig, starten mit War on Drugs. Zum Mittag etwas aufbäumen: The Dead 60s mit ihrer ersten Platte. Dann ein kurzes Hängerchen in Stille oder mit Max Richter. Dann die Hanteln in die Hand nehmen zu Sick Of It All – aus Gründen… Und zum Abendessen: die Gönnung mit Chet Baker.

Vom Ritchie ist der Drummer der Toten Hosen. Foto: Gabo

Vom Ritchie: Meine Empfehlung für den Lockdown: Lest Musikerbiografien! Ich habe hier im Laufe der Zeit einen beachtlichen Stapel an Büchern angesammelt. Im Alltag bin ich nie dazu gekommen, die zu lesen – entweder hatte ich zu viel zu tun oder ich kam nach einem anstrengenden Tag nach Hause und wollte mich einfach nur von Serien auf Netflix oder Clips auf YouTube berieseln lassen. Aber jetzt nutze ich die Zwangspause, um ohne Ablenkung zu lesen. Das erste Buch war Jordan Mooneys „Defying Gravity“. Darin geht es vor allem um die Punk-Ära, aber auch Disco – und für mich war das wie eine Zeitreise von damals bis heute. Beim Lesen habe ich mir Notizen zu den Künstlern und Personen gemacht, die im Buch vorkommen: David Bowie, Lou Reed, Malcolm McLaren, Vivienne Westwood, aber auch Diana Ross. Und immer, wenn ich das Buch mal zur Seite gelegt habe, habe ich mir die passende Musik dazu angehört. Bei „The Hard Stuff“, dem Buch vom MC5-Gitarristen Wayne Kramer, das ich im Anschluss gelesen habe, war es genauso. Dadurch bin ich wieder in eine komplett andere Musikrichtung eingetaucht und habe mich tagelang nur noch mit Rock’n’Roll beschäftigt: Chuck Berry, James Brown, viel Underground der 60er bis 70er Jahre. Dazu habe ich alte Platten rausgekramt. Und wenn in den Büchern Filme oder Dokumentationen erwähnt wurden, habe ich mir auch dazu die Trailer angesehen, manchmal sogar den ganzen Film. So kann man ganze Nachmittage verbringen und befasst sich viel intensiver mit einer Biografie und einer Musikrichtung, als man es normalerweise tun würde. Das finde ich fantastisch.

Welche Musik hörst Du derzeit besonders gerne – weil sie Mut macht oder Dich einfach auf andere Gedanken bringt?

Koljah: Alles von den Rolling Stones bis 1972 und das neue Album von Moses Pelham, „Emuna“. Das würde ich aber auch ohne Corona hören.

Sammy Amara: Ich höre tatsächlich zu diesen Zeiten nicht wirklich andere Musik. Vielleicht gar und leider ein bisschen weniger. Sonst läuft quasi den ganzen Tag Musik bei mir und in jedem Zimmer – wenn ich nicht selber die Gitarre in der Hand habe. In den Zeiten des Home-Office, wenn jemand im Zimmer nebenan arbeitet, versuche ich aber, nach Kräften rücksichtsvoll zu sein. Also, eine Zeit lang zumindest. Bis ich nicht mehr ohne kann…

Koljah Podkowik von der Antilopen Gang. Foto: Katja Runge

Vom: Mir fällt es schwer, eine generelle Empfehlung abzugeben, welche Musik den Leuten durch den Lockdown hilft, weil Menschen so unterschiedlich sind und jeder einen anderen Geschmack hat. Aber probiert es mal aus: Kauft Euch die Autobiographie eines Künstlers, den Ihr gerne mögt, lest das Buch, hört die Musik dazu, schaut euch Clips an. Auf meinem Stapel liegen unter anderem noch Bücher von Peter Perrett von den Only Ones oder George Jones, der ein unglaublicher Countrysänger war. Ich bin gespannt!

Was hörst Du gerade, was Du sonst womöglich nicht auflegst, weil die Zeit dazu fehlt? Ein kleiner Tipp für alle, die sich immer schonmal in Bob Dylans Werk einarbeiten wollten: Jetzt wäre die Gelegenheit.

Koljah: Ich habe ein zweijähriges Kind und die Kitas sind geschlossen, Ich habe weniger Zeit denn je. Ich arbeite mich also in gar nix ein. In das Werk von Bob Dylan – der übrigens aussieht wie meine Oma, an die ich dieser Tage oft denke – würde ich mich allerdings auch nicht einarbeiten wollen, wenn ich die Zeit dazu hätte. Immer, wenn Menschen verwelken, wenn Menschen sich aufgeben, wenn sie ihre Würde, ihre Zurechnungsfähigkeit oder beides verlieren, fangen sie an, sich für Bob Dylan zu interessieren.

Sammy: Ich habe es kürzlich mit dem Ramones-Gesamtwerk versucht, aber ich muss aufhören, mir was vorzumachen. Ich bin kein Ramones-Junge. Ich bin Team-Clash.

Vom: Ich weiß nicht, ob sich die Leute jetzt vielleicht durch das Gesamtwerk von Bob Dylan arbeiten sollten? Ich sage es mal so: „Hard Rain“ ist großartig, aber ich höre gerade lieber Bob Dylan’s „We Live Here“.