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Tanzhaus: Ein Tänzer gibt den Takt an

Tanzhaus: Ein Tänzer gibt den Takt an

Igor Strawinskys „Sacre du Printemps“ wird im Tanzhaus faszinierend interpretiert.

Düsseldorf. Der Unterschied liegt im Bruchteil von Sekunden. Ob die Bewegungen der Musik vorauseilen oder ob sie deren Akzenten folgen, markiert einen signifikanten Unterschied: den zwischen einem Dirigenten und einem Tänzer. Der Choreograph Xavier Le Roy ist auf diesen Unterschied anhand eines Probenmitschnitts von Sir Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern zu Strawinskys "Le Sacre du Printemps" aufmerksam geworden. Er eignete sich die Gesten des Dirigenten an und entwickelte daraus einen faszinierenden Tanzabend.

Zunächst steht Xavier Le Roy in rotem Shirt, verwaschenen Jeans und Turnschuhen mit dem Rücken zum Publikum. Mit sanften Bewegungen evoziert er die ersten Töne aus einem unsichtbaren, aber hörbaren Orchester. Die Hände scheinen den Klang behutsam zu modellieren. Mit der Wiederkehr des Eingangsthemas dreht sich Le Roy plötzlich zum Publikum.

Mit den Steigerungen der Musik ballen sich die Fäuste nun in Macho-Pose, ausgestreckte Finger fahren mitten in die Zuschauerreihen, Handkantenschläge sausen nieder, die Mimik wechselt zwischen Koketterie, Hingerissenheit und strafenden Blicken - ein Kompendium dirigentischer Selbstdarstellung, die nahe an der Persiflage ist. Doch Xavier Le Roy ist kein choreographischer Kabarettist. Seine Sacre-Interpretation im Tanzhaus stellt die Frage nach der Urheberschaft.

Je mehr sich die Bewegungen mit den musikalischen Akzenten synchronisieren, desto mehr scheint die Musik erst den Dirigenten zu bewegen. Die tonmalerische Gestik wird dabei zur erlebten tänzerischen Ekstase. Marionettenhaft zappelt Le Roys dürrer Körper an den Fäden des Strawinskyschen Rhythmus, hin- und hergerissen in einem Emotionsbad zwischen Erotik und Gewalt, das sich in wilden Schlägen und Sprüngen äußert.

Wenn die Musik plötzlich abbricht und der Choreograph die Stille dirigiert, wird das Hören auch als innerer Vorgang erfahrbar. Musik hören ist letztlich nichts anders als eine Rekonstruktionsleistung des Gehirns. Die dirigentische Gestik wird zum Tanz, der erst die Musik in uns als Vorstellung hervorruft.

Schließlich entkoppelt Xavier Le Roy das Hören und Sehen, wenn er mit der Synchronizität von Ton und Bewegung zu spielen beginnt. Mal sitzt die Geste auf dem musikalischen Akzent, mal kommt sie zu früh oder zu spät. Selten war ein Tanzabend, der auf einer solchen doch simplen Ausgangsidee beruht, instruktiver, begeisternder und dabei auch noch so voller Humor.