„Systemsprenger“: Debatte im Düsseldorfer Kino

Film : „Systemsprenger“: Debatte im Kino

Der Düsseldorfer Professor Menno Baumann beriet das Filmteam, nach der Premiere entflammte eine Diskussion.

Mit ihrem neuen Film richtet Nora Fingscheidt die Aufmerksamkeit auf ein Thema, das in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird. „Systemsprenger“, so werden Kinder- und Jugendliche inoffiziell unter Pädagogen oder Sozialarbeitern genannt, die nicht ins übliche Raster passen, weil sie weder in Pflegefamilien, Wohngruppen und Heimen noch in Sonderschulen unterkommen. Sie sind wild, aggressiv und voller Energie, die sich nur schwer kanalisieren lässt.

So ein Kind ist die neunjährige Benni (grandios Helene Zengel) in ihrem Film, der bei der NRW-Premiere im ausverkauften Atelier-Kino am Mittwochabend heiß diskutiert wurde. Menno Baumann, Professor mit Schwerpunkt Intensivpädagogik, Kinder- und Jugendhilfe, an der Fliedner Fachhochschule Düsseldorf,  stand Nora Fingscheidt bei der Entwicklung des Drehbuchs und während der Dreharbeiten als Experte zur Seite. Am Mittwochabend stellte er sich nach der Vorführung dem Publikumsgespräch.

Im Publikum saßen viele Studenten der Fachhochschule

Im Saal saßen viele seiner Studenten und auch einige Zuschauer, die als Pädagogen oder Familien-Coach arbeiten. Das Resümee war durchweg positiv. In vielen Wortmeldungen wurde deutlich, dass – obgleich Benni eine fiktive Figur ist – die erzählte Geschichte die Realität sehr gut abbildet und alle sehr bewegt. „Selbst gestandene Pädagogen hat der Film sehr mitgenommen“, verriet Menno Baumann, der ihn inzwischen schon über zehnmal zusammen mit Experten und Laien angesehen hat. „Es ist aber die Kunst, dass jeder diesen Film anders sieht und Nora Fingscheidt eine Bildsprache entwickelt, wie ich sie als Wissenschaftler nie hätte darstellen können“, meint der Professor.

Auf die Anmerkung einer Familien-Therapeutin, dass Bennis Mutter zu wenig Unterstützung in ihrer Situation bekommen habe, erklärte Baumann: „In der Realität gäbe es für Eltern eine ganze Reihe von Hilfsangeboten. Dem konnte eine betroffene Mutter im Publikum nicht zustimmen. Sie war aufgestanden und hatte in die Runde gefragt, wer denn von den Zuschauern ein Kind habe, das als Systemsprenger gelte. Wie sich herausstellte, war sie an diesem Abend die einzige, die aus Sicht einer Mutter mit einem schizophrenen Sohn aus dem Alltag berichten konnte und darauf hinwies, dass sie sich von dem titelgebenden System im Stich gelassen fühlt. Woraufhin Professor Baumann einräumte, dass es in der Vernetzung der einzelnen Institutionen durchaus noch Luft nach oben gäbe.

„Systemsprenger“ ist kein leichter Film, der aber zum Nachdenken anregt. Er geht für Deutschland ins Oscar-Rennen in der Kategorie „bester fremdsprachiger Film“.

Metropol, Brunnenstraße, täglich um 16.30 Uhr (außer Montag) und um 19 Uhr.

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