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Stones statt Strauss: Ist die Oper mehr als ein antiquiertes Singspiel?

Schwerpunkt Oper : Lieber Opa als Oper

Unserem Kolumnisten sind die Stones lieber als Strauss. An den Klang des Begriffs für die musikalische Gattung hat er sich erst durch seine Enkel gewöhnt.

Ich weiß nicht, ob das noch was wird mit mir und der Oper. Irgendwie wollen wir beide nicht so richtig zueinander kommen. Ein bisschen sind wir wie Romeo und Julia, die es nicht hinkriegen mit einer vernünftigen Beziehung, wobei nicht ganz klar ist, wer nun in dem Spiel der Romeo ist. Die Oper oder ich? Momentan habe ich ein bisschen das Gefühl, dass eher ich der Romeo bin. Aber da sind durchaus auch Julia-Momente in mir zu diagnostizieren.

Genau besehen hätte mein Verhältnis zum antiquierten Singspiel durchaus das Zeug, die Vorlage zu einem veritablen Drama zu liefern. Die Oper wirbt schließlich schon seit langer Zeit um mich und hat in Form meiner Frau eine sehr durchsetzungsfähige Repräsentantin in mein Leben implantiert. So durchsetzungsfähig, dass ich lange zusammengezuckt bin, wenn nur das Wort „Oper“ durch unser Haus hallte. Dann habe ich oft versucht, mich im Hobbykeller zu verstecken oder sinnlose Gartenarbeit vorzutäuschen. Das allerdings war für die Holdeste der Holden kein Grund, mich nicht in die Pflicht zu nehmen. „Das ist auch gut für dich“, sagte sie, die sie Musik studiert hat und es wissen muss.

Manches hört sich nach vokalem Leistungssport an

Ich bin da oft mitgegangen, habe aber nie richtig verstanden, was den großen Reiz der Oper ausmacht. Ich weiß noch, dass es meist zu warm war und dass es zu lange dauerte und dass sich manches nach vokalem Leistungssport anhörte. Ich fragte mich dann jedesmal, ob das nicht kürzer geht und ob man wirklich jede Zeile einhundert Mal wiederholen muss. Doch, die wiederholen in der Oper jeden Satz einhundert Mal. Ich habe das gefühlt, ich habe das erlitten. Sie singen davon, dass sie geplagt werden von großer Sehnsucht, von großer Liebe, dass sie irgendwie feststecken in schwerwiegenden inneren Konflikten, dass die Leidenschaft kurz vor der Kernschmelze steht. Da ist es durchaus verständlich, dass sich die Akteure häufiger mal wiederholen. Mein Problem ist, dass ihr verständliches Leiden akustisch nicht so richtig prima bei mir ankommt, was daran liegen mag, dass sie manchmal in fremden Zungen tirilieren. Aber selbst wenn sie in heimischer Sprache singen, verstehe ich sie nicht. Es ist für mich einfach eine andere Welt, quasi musikalisches Köln oder so.

Was, wenn Helene Fischer einhundert Mal das selbe sänge

Trotzdem habe ich natürlich immer mitbekommen, wovon gesungen wurde. Es gibt ja Übertitel, die an die Wände projiziert werden und anzeigen, was da gerade dargeboten wird. Einmal hat eine Sängerin so oft einen Satz wiederholt, dass in mir schon der Verdacht keimte, die Übertitel seien nicht projiziert worden, sondern stünden eingemeißelt an der Opernwand. Ich stellte mir damals vor, Helene Fischer sänge ein Lied, in dem sie einhundert Mal eine Zeile wiederholte. Nicht zwei- oder dreimal im Refrain, sondern einhundert Mal, immer wieder und immer wieder. Säße ich da nicht auch im Publikum und würde „mach hinne“ denken?

Ich habe meiner Frau von diesem Vergleich erzählt und mir Blicke eingehandelt, die nicht darauf schließen lassen, dass wir einander seit Jahren zärtlich verbunden sind. Ja, ich weiß, ich bin der Banause. Ich mag die Stones lieber als Strauss, und Mozart ist mir als süße Kugel am liebsten.

Ein Traum von einer Stones-Oper mit Jagger und Richards

Neulich habe ich davon geträumt, dass Keith Richards und Mick Jagger eine Oper geschrieben hätten, in der sie ihr nun schon weit über 50 Jahre währendes On- and Off-Verhältnis bühnenreif präsentieren. Ich würde mir das anschauen, auch wenn ich nicht sicher wäre, ob ich es aushalten könnte, Mick Jagger einhundert Mal „I can‘t get no Satisfaction“ singen zu hören, in allen denkbaren Variationen. Und Keith Richards würde seine bekannten Gitarrenriffs in offener G-Stimmung zum Besten geben, die jeden Stones-Song sofort erkennbar machen. Mich elektrisieren diese knackigen Gitarrenakkorde, aber könnte ich sie einhundert Mal hören?

Die Nachwirkung dieses Traums hielt nicht lange an. Bevor ich noch überlegen konnte, meiner Liebsten davon zu berichten und mir erneut missbilligende Blicke einzuhandeln, leuchtete mein Schlauphon auf. Eine neue Nachricht war eingetroffen. Meine Liebste hatte mir einen Link geschickt. Sie ruft inzwischen nicht mehr „Oper“ durchs Haus, weil sie weiß, wie ich dann zusammenzucke. Stattdessen ließ sie ihren elektronischen Postboten ausrichten, es gebe da eine Aufführung der Oper, die sie interessiere. „Roméo et Juliette“ heißt die. Ich brauchte nur Sekunden, um ihr eine Rückmail zu senden mit der traurigen Botschaft, dass ich just an diesem Termin leider eine unaufschiebbare Verabredung hätte mit einem Freund, der schon sehr alt sei, und man wisse ja nie, wie oft man sich in den gesegneten Jahren noch treffen könne.

Der phonetische Teil des Opern-Traumas ist überwunden

Natürlich wusste die Holde sofort, dass ich log. Sie lächelte bei der nächsten Begegnung sehr mitleidig und sagte: „Wir schaffen das.“ Es klang wie eine Drohung, und ich fürchte, ich kann mich da nicht mehr lange sperren.

Wenigstens habe ich inzwischen den phonetischen Teil meines „Oper“-Traumas in den Griff bekommen. Seit nämlich die Enkelchen durchs Haus toben und ihrer Sehnsucht nach mir mit lauthals geäußerten „Opa, Opa“-Rufen Raum verschaffen, habe ich zumindest mit dem Klang meinen Frieden gemacht.

Vielleicht gehe ich doch demnächst mal wieder mit in die Oper und stelle mir einfach vor, es stünden Mick Jagger und Keith Richards auf der Bühne und buhlten gemeinsam um Helene Fischer. In meiner Phantasieaufführung säßen dann noch meine Enkelchen im Chorgraben und sängen: „Der Opa, ja, der Opa, ja, we all like the Opa, ja.“