Steve Reich — lässig und virtuos

Steve Reich — lässig und virtuos

Der große US-Komponist begeisterte zum Start des Approximation-Festivals.

Düsseldorf. Acht Bongos in einer dichten Reihe auf der mit schwarzen Tüchern verhangenen Bühne der Tonhalle. Drei Männer und eine Frau kommen hervor, die Bongos werden gestimmt, ein freundlicher älterer Herr hebt die Schlegel. Ein Dreierschlag. Bis die Musiker zu einem gemeinsamen rhythmischen Gewebe gefunden haben, dauert es nur Sekunden. Und schon gibt es die nächste kleine Veränderung, eine Akzentverschiebung, eine Verdoppelung. Eine repetitive Struktur ist gefunden, doch um einfache Wiederholungen geht es nie. Der trockene, nie harte Klang der Bongos ermöglicht ein Durchhören der Musik bis in die kleinsten Veränderungen. Ein herrliches Vergnügen für unsere europäischen, an einfachen und gleichmäßigen Takt gewohnten Ohren.

So begann am Dienstagabend das Eröffnungskonzert der diesjährigen Ausgabe des Approximation-Festivals. Steve Reich, der große US-amerikanische Komponist, war zu Gast. In seinem lässigen Outfit mit Baseballcap nimmt man ihm seine fast 75 Jahre nicht ab. Schlaksig steht er an den Bongos, gibt den Ton und den Rhythmus an, doch würde es ihm nicht im Traum einfallen, wie ein alter Herr das musikalische Geschehen zu diktieren. Nein, er kann sich zurücknehmen, setzt sich an den Rand der Bühne, wenn er gerade nicht selbst spielt und die weitere Gestaltung seines Drumming Part One den Mitstreitern an den Bongos überlässt.

Bei so viel Understatement vergisst man leicht, dass den Machern des Approximation-Festivals hier ein ganz großer Coup gelungen ist. Neben Philipp Glass ist Reich der wichtigste US-amerikanische Vertreter dessen, was etwas unglücklich Minimalismus genannt wird.

Es ist ein Glücksfall, dass Steve Reich mit dem Ensemble Modern auf der Bühne steht. Hier ist man basisdemokratisch organisiert und spielt in ständig wechselnder Besetzung die Avantgarde des 20. Jahrhunderts, genauso wie neueste Musik.

Wer beim Drumming die Sinnlichkeit unterschiedlicher Klangfarben vermisst hatte, wird nun gründlich entschädigt. Vier perkussiv eingesetzte Klaviere, drei Marimbas und zwei Xylofone breiten ein üppiges, mitreißendes Klangfundament aus. Darüber druckvolle, massige Girlanden von zwei Bassklarinetten, abwechselnd mit dem Gesang des „Standardmodells“, dessen Tonhöhe sich bisweilen irritierend, aber auch betörend schön mit den vier Frauenstimmen der Synergy Vocals (perfekte Partner des Ensemble Modern) überlagert. Dazu noch ein Cello und eine Violine, die das einstündige Werk von geradezu hypnotischer Wirkung in plötzlichen, unerwarteten, stolpernd wiederholten Diskanttönen verklingen lässt. Betäubte Stille, dann tosender Applaus.

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