Sprayer von Zürich: Dieses Geschenk macht Harald Naegeli Düsseldorf

Abschied von Düsseldorf : Sprayer von Zürich: Dieses Geschenk macht Harald Naegeli an Düsseldorf

Der Sprayer von Zürich kehrt in seine Heimat zurück, bereichert aber zugleich die Sammlung des Stadtmuseums.

35 Jahre lebte Harald Naegeli, der „Sprayer von Zürich“, in Düsseldorf. Im August wird das Atelier im Hinterhof der Hildebrandtstraße 9 ausgeräumt, wo der geniale Zeichner nicht nur all die Tiere aus dem Krefelder Zoo aufleben ließ, sondern auch an der „Urwolke“ arbeitete. Vor seinem Abschied bedankt er sich mit einer fulminanten Schenkung. Sie geht ans Stadtmuseum, wo unter Susanne Anna seine endlosen Prozesse aufgearbeitet wurden. Schon 2017 überreichte er wertvolle Archivalien an das Haus. Heute wird im Kulturausschuss eine Schenkung mit 237 Positionen abgesegnet, darunter 47 Spray-, Acryl-, Kohle- und Tuscharbeiten, Werke von Künstlerfreunden wie Joseph Beuys und Tobey, Fotokonvolute, Audio-Dokumente, Bücher, Manuskripte und Mobiliar. Ein ganzes Künstlerleben lässt sich daraus ablesen.

Er studierte im Louvre die Zeichnungen alter Meister

Harald Naegelis Geschenk im Stadtmuseum. Foto: Helga Meister

Naegeli kam am 4. Dezember 1939 in Zürich als Sohn eines Schweizer Psychiaters und einer norwegischen Künstlerin zur Welt. Er besuchte die Züricher Kunstgewerbeschule beim ehemaligen Holzschneider von Hans Arp, studierte Musik, schrieb sich pro forma in der École des Beaux Arts in Paris ein, weil das Essen in der Mensa sehr billig war, und schulte sich im Louvre an den Zeichnungen alter Meister. 1977 entstanden erste Spraybilder in seiner Heimatstadt, die die Bevölkerung auf die Palme brachten. Man setzte ein Kopfgeld auf ihn aus und nahm ihn 1979 erstmals fest. Düsseldorf war seine Rettung. Dennoch will er die Stadt nicht als Heimat bezeichnen. „Heimat ist mir zu emotional, zu gefühlig und patriotisch. Ich fühle mich auch nicht als Schweizer“, pflegt er zu sagen.

Für seine Spraykünste suchte er sich stets Gebäude und Orte aus, die er „banal und anonym“ fand. Im Stadtmuseum entdeckt man eine herrliche Linienzeichnung auf dem Weg zur Toilette. Bei einer Architektur, die schön ist, halte er sich zurück, wie er sagt. Sprayen sei für ihn ein Ausdruck von Lebensfreude, selbst dann, wenn er hinterher vor Gericht gezerrt wird, wie zuletzt wegen dreier illegal aufgesprühter Flamingos. Drei Jahre lang bestand ausgerechnet die NRW-Akademie der Wissenschaft und Künste auf eine Anzeige gegen den Street-Art-Pionier. Erst in letzter Minute wurde das Verfahren gegen Zahlung von 500 Euro an ein Kinderhospiz und die Beseitigung der Flamingos durch den Künstler eingestellt: Für die Kunststadt Düsseldorf sei die Entscheidung eine „Peinlichkeit“, wie er meinte.

Trotz derlei öffentlicher Auftritte  lebte Naegeli eher zurückgezogen, fuhr höchstens in den Krefelder Zoo, um die Bewegungen von Kamel und Ziegenbock, Tapir und Vogel zu studieren und anschließend mit Filzstift und Kreide, Rötel und Kohle, Feder oder Bleistift aufs Papier zu bringen, als Vorformen für seine Graffiti. Konzentriert arbeitete er vor allem an der Urwolke. Erst nach seinem Tod werde eine Philosophin ein Buch darüber schreiben. Er erklärte vor einigen Jahren: „Wenn ich tot bin, beginnt der Mythos. Denn alles, was ich sonst mache, sind Herolde der Wolken.“ Dabei entfernte er sich mehr denn je von allem Irdischem, von Leidenschaften und Spannungen. Leicht und durchsichtig sind diese Zeichnungen, ein Nichts an zarten Linien und Punkten. Magische Werke, Sinnbilder der Meditation. Er nennt sie den Versuch, etwas „Jenseitiges“ auszudrücken.

Abschied mit einem Totentanz im Grossmünster von Zürich

Naegeli war zu keiner Zeit auf den Verkauf seiner Werke angewiesen. Der Kunstmarkt war ihm ein Gräuel.  Sein Elternhaus, das wir besuchen durften, war bestens ausgestattet, mit Klassikern in der Abstellkammer. Dank dieser finanziellen Absicherung konnte er sich ein Leben lang als politischer Aktionskünstler sehen, der gegen Zustände des Kapitalismus angeht. Jetzt aber nimmt der schwerkranke Künstler Abschied. Im Grossmünster von Zürich arbeitet er an einem gesprayten Totentanz im Kirchturm. Die Arbeit soll nur vier Jahre bleiben. Länger werde er sowieso nicht leben.

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