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Sprayer Harald Naegeli erzählt im Heine Haus vom Glück

Buchvorstellung im Heine Haus : Harald Naegeli teilt sein Glück per E-Mail

Erst waren es nur fröhliche Botschaften, die der Zürcher in der „Wolkenpost“ an seine Freunde schickte. Jetzt wurde ein spannendes Buch daraus.

Wenn Harald Naegeli seine feinen Linienzeichnungen an Häuserwände sprayte, ging es ihm so dermaßen gut, dass er sein Glück am liebsten mit jemandem teilen mochte. Im Jahr 2013 fing er damit an. Eines sehr frühen Morgens kehrte er von einer nächtlichen Kunstaktion heim, setzte sich an seinen Computer und schrieb eine E-Mail an 140 Freunde, die von da an regelmäßig Post vom weltberühmten Sprayer aus Zürich erhielten. Fröhliche Bemerkungen, doppeldeutige Mitteilungen und Erkenntnisse, die er mit Adorno oder Hölderlin teilt, schickte Naegeli ihnen über viele Jahre. Eine Auswahl der exquisiten Textlein ist soeben in dem Buch „Harald Naegeli: Wolkenpost“ erschienen. Während einer gestreamten Lesung trug Rudolf Müller, Buchhändler im Heine-Haus, jetzt ein paar dieser Gedankenblitze seines Freundes Naegeli vor und sprach mit dem Künstler darüber. „Immer wenn ich es geschafft hatte, ein Graffito fertigzustellen, empfand ich eine große Befreiung“, sagt der 80 Jahre alte Naegeli. „Von diesem Glück wollte ich meinen Freunden erzählen.“

So entstand eine wunderbare Sammlung blitzgescheiter Mitteilungen, welche durchaus als Begleiter der in dem Buch ebenfalls abgebildeten Graffiti verstanden werden dürfen. Absender der „Wolkenpost“ ist die Ur-Wolke, Naegelis Alter Ego. „Als Wolke kann ich ganz andere Dinge sagen als als Person.“ Nichts Schwermütiges oder Sehnsüchtiges, sondern kämpferische Dinge, anarchische. „Der Kunstbegriff der Wolke ist allumfassend“, heißt es in einer Wolkenpost. „Er ist auf den gesamten Lebensraum und die Tätigkeit der Menschen bezogen. Er ist nicht beschränkt auf legalisierte Kunstorte wie Museen und Galerien.“

Subversive Botschaften an
Brückenpfeilern und Gebäuden

Für diese Haltung kam Naegeli vor vielen Jahren ins Gefängnis. Er sprayte seine Fische, Flamingos und Skelette als subversive Botschaften auf Brückenpfeiler und Gebäude, die anderen gehörten, und wurde wegen Sachbeschädigung mit Haftbefehl gesucht. Als er seine Strafe abgesessen hatte, verließ er Zürich und ging nach Düsseldorf, wo er mehr als 30 Jahre lebte und arbeitete. Sein wichtigstes Bestreben dabei war es, nie die Utopie aus dem Blick zu verlieren. „Nur wenn man unentwegt an einer Utopie arbeitet, findet man im Leben einen Sinn“, schrieb Naegeli im Januar 2016 in der Nacht an seine Freunde.