1. NRW
  2. Düsseldorf
  3. Kultur

Kunsthalle am Grabbeplatz: Sigmar Polke & Co: Als die Freunde Bilder mehrhändig malten

Kunsthalle am Grabbeplatz : Sigmar Polke & Co: Als die Freunde Bilder mehrhändig malten

Die Kunsthalle am Grabbeplatz feiert ihr 50-jähriges Bestehen mit Sigmar Polke & Co. In einer Retrospektive zeigt sie das quirlige Leben der 1970er im lustigen Miteinander.

Düsseldorf. Am 7. Januar 1977 heiratete Memphis Schulze die Kommilitonin Ida Büngener und hängte einen großen Papierbogen in sein Düsseldorfer Atelier. Das ließen sich die Hochzeitsgäste nicht zweimal sagen. Sigmar Polke war der erste, Memphis und Freunde folgten. Sie malten und sprayten, ließen Dinge verschwimmen und Figuren auftauchen. Die Arbeit erinnert nach den Worten des Sohns Max Schulze an eine „intergalaktische Party“. Jetzt ist das Bild auf Leinwand kaschiert und bildet den Mittelpunkt einer Schau zum 50-jährigen Bestehen der Kunsthalle.

Unter dem stocksteifen Titel „Singular/Plural“ beleuchtet es eine Kunst der endlosen Kreuzungen von Medien und Materialien. Das Sampling hatte seine erste Hochkonjunktur. Die Szene startete im Gaspelshof in Willich, einem niederrheinischen Bauernhof, den Sigmar Polke 1972 bis 1978 mit Freunden teilte. Eine bunte Schar junger Künstler erprobte damals das Leben in Gemeinschaft.

Die Ausstellung wurde von Sohn Max Schulze sowie von Petra Lange-Berndt und Dietmar Rübe zusammengestellt, Fachleuten für alternative Lebensformen und kollaborative Praktiken in der populären Kultur. Sie haben über Polke geforscht und eine Monografie über Memphis Schulze herausgebracht. Der Nachlass in den Archiven der Söhne Max und Philipp Schulze, vor allem das legendäre „Archiv Untergrund“ mit Figuren wie Joker, Phantom, Flash Gordon und ähnlichen Dingen ist ihnen nicht unbekannt.

Die Lust am Aneignen, Wiederholen, Umdeuten, Kopieren und Fälschen ist heute wieder aktuell. Aber es ist nicht mehr so lustig wie einst, als man sich für Rockkonzerte, Messerwerfer, Schaubuden-Attraktionen und Gardinenstoffe über Keilrahmen interessierte. Das Performative wurde beliebt.

Sie schwindelten sich eine andere Biografie, wenn es sein musste. So wurde aus Jürgen Max Schulze ein Memphis, der unbedingt in einer Band mitspielen wollte, jedoch lediglich den Song „Memphis Tennessee“ von Chuck Berry beherrschte. Es sollte sein Glück sein, denn nun konnte er sich in Rock’n’Roll-Bildern verewigen. Als er 1979 im Studio Oppenheim in Köln seine erste Einzelausstellung erhielt, zeigte er ein Gemälde mit flotten roten Rockschößen und kreiselnden Pumps, zwischen denen Noten zirkulieren. Es hängt nun im Treppenhaus.

Pop-Kultur und Comics rotierten in labyrinthischen Verschlingungen. Die Schablone war hoch im Kurs und wurde unter Freunden weitergereicht. Man malte auch mehrhändig, so dass sich nie genau sagen lässt, wer was als Erster erfunden hat. Die Praxis des gemeinsamen Bildermachens oder das Übertragen von Motiven mit dem Episkop war seit Polke favorisiert. Memphis Schulze und Christof Kohlhöfer betitelten 1976 eine Arbeit als „schön durcheinander“.

Musiker wie Maler agierten Seite an Seite, manchmal sogar in einer Person. Emil Schult etwa, der bei Dieter Roth und Joseph Beuys studiert hatte, gestaltete die Covers von Kraftwerk und sprayte 1974 „Kraftwerk — Radioaktivität“ mit Lack auf Papier. Die elektronische Musik begann die Welt zu erobern. Und Schult, Co-Autor von Welthits wie „Das Model“, verhohnepipelte mit Filzstift zugleich die drei Grazien. Auch Conrad Schnitzler, der bei Beuys studiert hatte, gilt als Wegbereiter der elektronischen Musikszene der 1970er Jahre. Der Geburtshelfer des Krautrocks erwarb 1971 in England einen tragbaren Synthesizer. Und Klaus Dinger startete neben Ralf Hütter und Florian Schneider als Schlagzeuger und Gitarrist bei Kraftwerk und liebte den monotonen Schlagzeugstil.

Diese Düsseldorfer Künstlerszene war breitgefächert. Gleich im Eingang der Kunsthalle zeigt ein Video von Tony Morgan, wie Besucher 30 Minuten lang die Zunge herausstrecken. Die Kölner Filmerin Astrid Heibach dokumentiert noch heute die Aktionen in Fotos und Super-8-Filmen, sie betreut die Digitalisierung der Filme für den Polke-Nachlass.

Vielleicht kam bei derlei Trubel das Politische etwas zu kurz, wäre da nicht Michael Deistler gewesen. „Liebe Eltern, Arbeit macht frei“ oder „Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein“, zeichnet er voller Ironie aus Hakenkreuzen. Von weitem erinnern die Blätter an den Kreuzstich von Deckchen oder die Auflösung von Rätseln, bis man beim Nähertreten die bissige Kritik an der Gesellschaft nach dem Krieg wahrnimmt.

Schaut man von der Empore auf den Kinosaal, bemerkt man, dass die Kuratoren den Pavillon mit all den schrägen Bildfindungen, dem Hippie- und Rockertum mit einem großen, weißen Hakenkreuz auf grauem Grund versehen haben. Vor der Koje hängen die Werke Achim Duchows, sieben Jahre jüngerer Assistent von Polke. „Viele Grüße aus Südamerika Euer Martin“ textet er 1976 in einer Ausstellung bei Erhard Klein in Bonn. Gemeint ist Martin Bormann, der in Südamerika untergetaucht war und Don Martin hieß. Der Name gehört aber zugleich zum besten Zeichner aus dem Mad-Magazin. Duchow verstand es, die subkulturelle Welt mit Polit-Kritik in Einklang zu bringen. Dabei bekam auch Papst Pius sein Fett weg.

Viele der parodierenden Künstler sind längst gestorben. Aber eine Eigenschaft haben sie an die spätere Generation weitergereicht, und das ist der Austausch untereinander. Man malt zwar nicht mehr mehrhändig, aber es vergeht keine Vernissage, wo sie nicht weiterhin gemeinsam auftreten, die Alten und die Jungen, die Professoren und die Neulinge.