Schauspielhaus: Premiere von Jean Genets „Die Zofen“

Schauspielhaus: Premiere von Jean Genets „Die Zofen“

Regisseurin Nele Weber wagt sich an Jean Genets surreales Theater und überzeugt mit einer kraftvollen Inszenierung.

Düsseldorf. Allons enfants de la patrie!, tönt es aus dem Lautsprecher. Zu den Klängen der blutrünstigen Marseillaise (der französischen Nationalhymne) marschieren Xenia Noetzelmann und Verena Reichhardt aus der Maske auf die Bühne des Kleinen Hauses. Zu sehen per Videoschaltung, auf Riesenleinwand projiziert. Wie Henker erscheinen die zwei auf der Bühne. Das Podest erinnert an einen Platz, auf dem die Guillotine gleich hinabsausen könnte. Und darum geht es den Schwestern Claire und Solange, gespielt von Noetzelmann und Reichhardt, in Jean Genets „Die Zofen“. Sie wollen ihre Gnädige Frau ermorden, zwar nicht mit dem Fallbeil, sondern mit einer Tasse vergifteten Tees.

Mit martialischem Theaterdonner und Verweis auf die Französische Revolution beginnt die Tragödie von Jean Genet, den der Zeitgenosse Francois Mauriac Orpheus der Gosse nannte. Die junge Nele Weber (bislang Regie-Assistentin) wagt sich an diesen bizarr-surrealen Einakter mit drei Frauen, dessen Uraufführung 1947 in Paris sehr umstritten war. Der Mut zahlt sich aus, das Ergebnis überzeugt.

Weber ist dem todessüchtigen Ritual, mit dem sich die gedemütigten Schwestern aus ihrem unwürdigen Dasein befreien wollen, mehr als nur handwerklich gewachsen. Mit exzellenten Darstellern wie Noetzelmann, Reichhardt und Anna Schudt als Gnädige Frau zeigt sie die Schönheit des Verbrechens, das Genet in vielen seiner Werke beschreiben wollte. Und sie entfacht den perversen Traum von Befreiung durch Mord und ein surreales Rollenspiel, das tödlich endet. Nicht für die Herrin, sondern für die Dienerinnen selbst.

Claire und Solange haben zunächst durch anonyme Briefe ihren Herrn ins Gefängnis verfrachten lassen. Die Herrin ist ausgegangen. Endlich haben sie sturmfreien Salon, um einen monströsen Racheplan zu schmieden, den Aufstand der Zofen zu proben. Mal mimt die grell überschminkte Claire die gefürchtete Madame, mal Solange. Voller Lust und Hass steigert sich das Duo in den Rachemord, malt sich aus, wie und wann sie der Herrin den vergifteten Lindenblütentee überreichen können. Besonders wütend sind sie über den angeblichen Flirt von Madame mit dem Milchmann. Denn auf ihn projizieren die Zofen ihre sexuellen Fantasien. Immer stärker verklären die Domestiken die Luxus-Welt der Herrschaft, die für sie unerreichbar bleibt. Und je mehr die Gnädige Frau sich gütig zeigt und sie mit Geschenken überhäuft, desto zorniger werden sie.

Doch es kommt anders: Plötzlich klingelt das Telefon, Monsieur ist wieder auf freiem Fuß und möchte mit seiner Gattin feiern. Als Madame plötzlich auftaucht, müssen sie handeln. Doch gefangen in Ehrfurcht, bleiben sie Dienerinnen und schaffen es nicht, die Gnädige zum Trinken des vergifteten Tees zu zwingen. So leert Claire selber die Tasse. Gepeinigt, verängstigt und am Ende ihrer Existenz: Ergreifend spielt Noetzelmann dieses Finale mortale. Anna Schudt, die Dortmunder Tatort-Kommissarin, glänzt in dem kurzen Auftritt der Gnädigen Frau. Eine grotesk überzeichnete Diva mimt die Schudt, mit rollenden Augen und großen Stummfilm-Gesten. Sobald sie die Szene betritt, sind die Zofen keine Ungeheuer mehr, sondern nichts als bejammernswerte Würmer, die freiwillig zum Richtplatz schreiten. Am Ende: Bravorufe für alle.

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