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Schauspielhaus - „Freie Sicht“: Warum sich Eltern und Kinder nicht verstehen

Schauspielhaus - „Freie Sicht“: Warum sich Eltern und Kinder nicht verstehen

Acht Mädchen überzeugen als Darstellerinnen im Stück „Freie Sicht“.

Düsseldorf. Ein lauter Knall — und da liegt schon ein Mädchen von etwa 13 Jahren reglos auf einem hellgrünen Teppich, um den Kopf herum wird eine Lache von blutroter Dickflüssigkeit sichtbar, die aussieht wie verkleckerte Erdbeermarmelade. Andere Mädchen laufen herbei umringen den leblosen Körper. Sie ziehen die Luft geräuschvoll ein und aus — der schwere Atem des Entsetzens.

„Freie Sicht“ heißt das Stück für Kinder ab zwölf Jahren. Isabel Dorn und Verena Ries haben es mit Schülerinnen inszeniert, frei nach dem gleichnamigen Schauspiel des Theaterautors Marius von Mayenburg (geb. 1972) aus dem Jahr 2008. Als sogenanntes Treibhaus-Projekt gehört er zum Spielplan. Es geht um das gespannte Verhältnis zwischen Kindern und Eltern, um Missverständnisse, Ängste und Gewalt.

Eine klare Handlung wird nicht erkennbar. Erwachsene treten gar nicht persönlich auf, doch Stimmen der Eltern kommen vom Tonband. „Sie hat sich verändert“, hört man eine besorgte Frauenstimme sagen. „Sie ist größer geworden“ beschwichtigt eine Männerstimme. „Nein, das Gesicht hat einen härteren Ausdruck angenommen“, so die weibliche Erwiderung.

Die Szenen wechseln schnell wie filmische Shortcuts. Plötzlich stechen lachende Mädchen im Alter zwischen 13 und 16 Jahren mit einem Messer auf einen grünen Karton ein, bedrohen danach sich gegenseitig mit diesem Mordinstrument — spaßeshalber mit vergnügtem Kreischen, das immer lärmender wird und sich zusehends wandelt in den Schrei eines tödlich verletzten Kindes.

Jugendliche Renitenz drückt sich vielfältig aus, etwa durch das Gurgeln mit Milch, die anschließend über die Lippen auf den Boden gesabbert wird. „Warum redet ihr nicht mit uns?“, fragt eines der Mädchen und fügt hinzu: „Aber vielleicht wollen wir auch nicht mit euch reden.“

Das Stück illustriert eine Art gesellschaftliche Paranoia, die den Erwachsenen die freie Sicht versperrt auf das Tun ihrer Kinder. Trägt das kleine Mädchen seine Puppe in einem Karton spazieren oder tickt schon eine Zeitbombe in der Box? Marius von Mayenburg treibt es mit solchen Fragen auf die Spitze. Indes will der Plot nicht immer so überzeugen. Denn die Überzeichnung wirkt zuweilen ziemlich weit hergeholt. Umso eindrucksvoller ist das natürliche Spiel der Mädchen.