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Schauspielhaus: "Der Parasit" - Hü Hott im Vorzimmer der Macht

Schauspielhaus: "Der Parasit" - Hü Hott im Vorzimmer der Macht

Großartige Schauspieler, überzeugende Regie — Publikum begeistert von „Der Parasit“.

Düsseldorf. Das weiße Tennishöschen sitzt knapp, der himmelblaue Golfdress wie angegossen. Mit Reiterhelm und Peitsche lässt dieser gut gebräunte Minister keinen Zweifel an seiner Position.

Es ist schreiend komisch, wie Schauspieler Moritz Führmann in immer neuen Freizeit-Outfits auf der Bühne im Kleinen Haus erscheint und die ernsthaften Geschäfte des Narbonnes zur Schau stellt: Leichtfüßig umgeht er jede Amtsaufgabe, busserlt brav die Mama und bedient sich — Hü Hott — mit selbstverliebt lässigem Schwung der Reitgerte derer, die sich um ihn drängen.

Kein Wunder also, dass der gut aussehende Untergebene Selicour mit strahlendem Lächeln und in rosa Socken zum modischen Anzug schnell seine Gunst gewinnt. Geschmeidig bewegt sich Florian Jahr in der Rolle als „Der Parasit“.

Er kann die einnehmenden Züge seines Gesichts sekundenschnell zur machtbesessenen Fratze erstarren lassen. Sein Selicour will nach oben, bis an die Spitze der Hierarchie und hat ein feines Gespür, wer ihm nutzt und wer möglichst schnell aus dem Weg geräumt werden muss.

Regisseur Nurkan Erpulat eröffnet mit der von Schiller 1803 aus dem Französischen übersetzten Komödie „Der Parasit oder Die Kunst sein Glück zu machen“ die neue Spielzeit im Kleinen Haus und beschert den Zuschauern einen großartigen Theaterabend.

Er bewegt sich mit seiner Inszenierung nah am Volkstheater und hält doch fast immer ein überzeugendes Niveau. Die Figuren sind so überzeichnet, dass man sich bei Firmin (Dirk Ossig), einem Beamten mit Bürobart, an den Fernseh-Fiesling „Stromberg“ erinnert fühlt.

Bei der Sprache setzt Erpulat mit einer Ausnahme auf die literarische Vorlage und schafft so eine Verbindung von damals zu heute, die auf der Bühne nicht nur gut funktioniert sondern auch hervorragend unterhält. Indes ein Bruch zu Schillers wohlgewählten Worten ist zu groß: Stefanie Rösner plappert als bauernschlaue Cousine Selicours im berlinerischen Jugend-Slang von heute.

Doch das ist nur eine Kleinigkeit im stimmigen Konzept, zu dem auch Bühne und Musik passen. Klavierklänge und das Gegurgel einer Kaffeemaschine begleiten diese Gesellschaft in einer provisorischen Büro-Kulisse mit verstaubten Benjamini und altersschwachem Kopierer. Mit Blick ins Publikum analysiert Selicour scharfsinnig: „Vor jedem Raum direkter Macht bildet sich ein Vorraum indirekter Einflüsse und Gewalten, ein Zugang zum Ohr, ein Korridor zur Seele des Machthabers.“

Und was sich in diesem Vorraum abspielt ist nicht nur ein treffend böses Szenario, sondern auch ein großer Spaß beim Zuschauen. Wenn etwa die Mutter des Ministers (Verena Reichhardt) ihre eigene geile Lust auf den ach so charmanten Aufsteiger mit dem Aufpumpen einer rosafarbenen Luftballonschlange kompensiert, die sie anschließend mit festem Griff in eine Pudelform quetscht.

Oder wenn sich Selicour an Karl (Marian Kindermann) ranschmeißt, ein Möchtegerndichter im übergroßen Wollpulli, der auf der Gitarre „Wish you were here“ von Pink Floyd klampft.

Im Duett kommen sich der in sich gekehrte Schöngeist und der aufsteigende Karrierist so nah, dass man selbst eine Sekunde vergisst, wie eiskalt auch diesmal der Machthungrige manipuliert. Eiskalt erwischt es den scheinbar sicheren Selicour zum Schluss selbst. Ein knalliges Ende für einen gelungenen Saisonauftakt.