Schauspieler Burghart Klaußner: „Das Schreiben macht mir Spaß“

Interview : „Das Schreiben macht mir Spaß“

Interview Burghart Klaußner stellte das Buch „Backstage – Klaussner“ im Schauspielhaus vor und wird dort in „Das Leben des Galilei“ zu sehen sein. Der Schauspieler, Regisseur und Musiker debütierte jüngst zudem als Autor. Und es gibt noch mehr, was ihn umtreibt. Zum Beispiel die 68er.

Schauspieler auf der Bühne, bei Netflix-Serien („The Crown“), im TV und auf Leinwand, der es als Pastor in Michael Hanekes „Das weiße Band“ bis nach Hollywood geschafft hat. Regisseur, Sänger - und seit einiger Zeit auch Autor. Vielfältige Begabungen bescheren Burghart Klaußner einen prall gefüllten Terminkalender. Denn der eigenwillige Künstler sucht immer neue Herausforderungen und, neudeutsch gesprochen, „Formate“. Dank Intendant Wilfried Schulz, mit dem der Mime seit Jahrzehnten befreundet ist, hält er sich gerne und häufig in Düsseldorf auf.

Zuletzt sah man ihn im „Kaufmann von Venedig“. In diesen Wochen probt Klaußner die Hauptrolle in Brechts „Das Leben des Galilei“. Doch Sonntagabend ließ Klaußner die Zuschauer hinter die Kulisse blicken und erzählte, im voll besetzten Foyer am Gründgens-Platz, von sich, aus seinem Leben, von seiner Arbeit. Anlass: die Vorstellung des Buches „Backstage – Klaussner“, die der Verlag ‚Theater der Zeit’ zu Klaußners 70. Geburtstag herausgab. Autor dieses Buchs von 154 Seiten mit Lebens- und Arbeitschronik ist Thomas Irmer, der Sonntag auch das Gespräch leitete. Vorher traf die WZ den in Berlin geborenen und in Hamburg lebenden Schauspieler, der seit 15 Jahren mit zahlreichen auch internationalen Preisen ausgezeichnet wurde, in einem Café in Unterbilk.

Herr Klaußner, Sie sind mal wieder am Rhein?

Burghart Klaußner: Ja. Ich fühle mich wohl hier. Die Menschen sind locker und entspannt, nicht nur im Karneval. Ich kenne die Rhein-Ruhr-Region so gut, weil die Familie meiner Mutter aus Oberhausen kam und wir dort früher unsere Verwandten besuchten. Und bin dankbar, dass ich im Schauspielhaus herausfordernde Rollen bekomme. Galilei ist meine dritte Produktion.

Es läuft ja sehr gut hier unter Wilfried Schulz, oder?

Klaußner: Ja. „Heisenberg“ habe ich mit Caroline Peters hier 40 mal gespielt, vor ausverkauftem Haus. Ähnlich beim „Kaufmann von Venedig“. Schulz ist ein toller Macher, wenn man daran denkt, dass in unserer Branche Düsseldorf Jahrzehnte lang als No go galt. Regisseure schimpften damals auf das Publikum. Aber wenn man es richtig nimmt, ist das Publikum hier einfach großartig.

Letztes Jahr haben Sie auch als Autor debütiert? Wie kam es dazu?

Klaußner: Eine Literaturagentin fragte mich. Und ich hatte schon lange Lust dazu. Zudem kommt: Das Schreiben macht mir Spaß.

„Vor dem Anfang“ heißt Ihr Debütroman. Worum geht es?

Klaußner: Es ist ein Schelmenroman, besser noch eine Novelle. Es ist kein intellektuelles Buch, sondern zeigt das Abenteuer von zwei jungen Männern – Fritz und Schultz –, die den Krieg überlebt haben und noch ein Geschäft abwickeln müssen. Er spielt im Berlin während der letzten Tage des Zweiten Weltkriegs. Und zwar am Wannsee. Ich kenne ihn gut, bin als Kind mit meinem Vater auf dem See gesegelt. Als Schriftsteller habe ich Strand-Idylle hier und Katastrophe des Endkampfs dort konfrontiert. Das hat mich gereizt. Darin verwoben habe ich meine Familiengeschichte. So ist das Buch halb Fiktion, halb Historie.

Und Berlin heute?

Klaußner: Ich habe immer noch eine enge Beziehung. Ich lebe aber seit 1980 mit meiner Frau und Familie in Hamburg. Erst seit 2000 habe ich wieder eine feste Bleibe in Berlin.

Interessieren Sie sich als Autor sehr für Geschichte?

Klaußner: Ja, Geschichte schreibt Geschichten. Die Beschäftigung mit der Jetzt-Zeit steht mir wohl noch bevor.

Worüber schreiben Sie denn jetzt?

Klaußner: In meinem zweiten Buch geht’s um die 68er. (Er schmunzelt) Ist vielleicht eine verzögerte Fortsetzung des ersten. Ich bin ja ein Kind dieser Epoche. Und schreibe viel aus der Erinnerung und betreibe Quellenforschung. Auch in Richtung Teilung zwischen Ost und West. Die wichtigste Frage ist aber für mich: Wie ist es zu der Jugend-Revolte gekommen?

Sie lieben heute noch die 68er?

Klaußner: Natürlich, es war ein tolles Lebensgefühl. Eine große Aufbruchstimmung. Wunderbar! Besonders auch die Pop- und Rockmusik. Beatles und Rolling Stones habe ich alle live im Konzert erlebt. Und als Schauspieler haben wir damals gegen die Diktatur des alten Theaters gekämpft.

Thema Musik – Sie treten ja auch als Sänger auf.

Klaußner: Ja, das Singen zieht sich durch mein ganzes Berufsleben. Seit einigen Jahren bin ich Frontmann meiner Band „Zum Klaußner“. So hieß das Lokal meines Großvaters in Berlin. Freunde und ich machen Rock’n Roll und Swingmusik aber auch Titel von Exil-Komponisten, die vor den Nazis fliehen mussten, wie Hanns Eisler oder Werner Heymann. Mit dem Programm waren wir in Los Angeles und anderen Städten der USA. Nächstes Jahr kommen wir damit wieder nach Düsseldorf.

Und jetzt proben Sie gerade mit Regisseur Lars Ole Walburg „Das Leben des Galilei“. Da geht es ja um den Astronomen und Physiker der Renaissance Galileo Galilei, der wegen seiner astronomischen Entdeckungen nicht bereit ist, sich selbst zu opfern. Und den Kopf aus der Schlinge der Inquisition der Katholischen Kirche zieht.

Klaußner: Ja, die Frage bei Brecht ist: Habe ich die Verpflichtung für die Wahrheit alles aufzugeben? Sogar mein Leben zu opfern? Ich erwarte das von niemandem. Wir wissen heute, dass wir Kompromisse machen müssen. Auch wenn sicher ist, dass zwangsläufig eine neue Zeit anbrechen wird (ähnlich zu unserer heutigen Lage bei der prognostizierten Klima-Katastrophe) – gibt es kein abruptes Umschalten. Stück für Stück müssen wir bei der Lösung von Problemen voranschreiten. In seiner zweiten Fassung (nach Abwurf der Atombomben über Japan) hat Brecht die Stellschrauben angezogen. Er veränderte das letzte Bild und stellt die Verantwortung der Wissenschaft in den Vordergrund. Das heißt, Fortschritt der Wissenschaft darf es nicht um jeden Preis geben, darf sich nicht von jedem Ziel instrumentieren lassen. Aktuell ist das sicherlich, bis heute.

Das Buch „Backstage Klaussner“ von Thomas Irmer ist erschienen bei Theater der Zeit (18 Euro). Klaußner in Düsseldorf: Die Premiere von „Das Leben des Galilei“ von Bertolt Brecht mit Musik von Hanns Eisler ist am 16. Januar im Schauspielhaus. (Restkarten).

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