Salzmannbau in Bilk: Der Kunstraum wird zu neuem Leben erweckt

Salzmannbau : Der Kunstraum wird zu neuem Leben erweckt

Ab Januar übernehmen vier Künstler die Verantwortung für die kommunale Galerie im Salzmannbau. Der Ausstellungsraum ist 350 Quadratmeter groß.

Fragt man Einheimische nach dem „Kunstraum“, so erntet man selbst unter kunstbeflissenen Bürgern ein Achselzucken. Die meisten Künstler, Galeristen und Museumsleute waren noch nie oder höchst selten in diesem Gebäude, geschweige denn in dem immerhin 350 Quadratmeter großen Ausstellungsraum, den es seit 1995 gibt. Das soll nun anders werden. Vier Künstler wollen es der Stadt zeigen, dass sie es besser können. Und das Kulturamt revanchiert sich durch eine jährliche Zahlung von 85 000 Euro für den Gesamtbetrieb. Am 17. Januar ist Schlüsselübergabe. Dann überträgt Kulturamtsleiterin Marianne Schirge die Verantwortung auf Katharina Maderthaner und Christian Schreckenberger, Detlef Klepsch und Anne Schülke, die sie gern und freiwillig übernehmen.

Die Vorgeschichte

Der Salzmannbau ist das denkmalgeschützte Hauptgebäude der ehemaligen Jagenberg-Fabrik an der Himmelgeister Straße. Der Architekt Heinrich Salzmann errichtete den Komplex ab 1904 für den Papierhersteller Jagenberg. Bis 1984 lag dort der Verwaltungssitz des Unternehmens. Dann wurde das Gelände verkauft, die Bauten sollte abgerissen werden. Eine Welle der Empörung führte dazu, dass sich Land, Stadt und die damals landeseigene LEG an den Kosten für die aufwändige Kernsanierung beteiligten. Allein die Stadt zahlte acht Millionen Mark.

Ab Mai 1994 zogen Künstler, Studenten, Wohnungssuchende und zahlreiche Vereine ein. Das I-Tüpfelchen bildete die kommunale Galerie, kurz „Kunstraum“ genannt. Mehrere Künstler sowie die Vertreter von Kunsthalle, Kunstmuseum und Kunstverein machten mit. Geschäftsführerin und Leiterin wurde Ulla Lux aus dem Kulturamt. Das anfangs mit viel Elan betriebene Ausstellungsprogramm ließ nach. Selbst die Verleihung der Förderpreise, gleichsam Höhepunkte in dieser Örtlichkeit, interessierten kaum noch jemanden, und die Bildkunst war auch kaum noch erwähnenswert.

Der Neue Kunstraum

Als vor einem Jahr absehbar war, dass Ulla Lux in Rente gehen würde, schlossen sich die beiden Künstlerduos zusammen und entwickelten Konzepte, um den Kunstraum „zurückzuerobern“, wie sie sagen. Schließlich stellten sie mit drei weiteren Gruppierungen ihre Konzepte dem Beirat für bildende Kunst vor – und gewannen. NKR, Neuer Kunstraum Düsseldorf, nennt sich die Ausstellungsplattform jetzt. Die vier Pioniere übernehmen die Verantwortung für vier Jahre, versprechen sechs Ausstellungen sowie dazu passende Veranstaltungen. Das Programm soll lokal und international, und vor allem vielfältig sein.

Die Künstler-Kuratoren

Katharina Maderthaner (Jg. 1982) und Christian Schreckenberger (Jg. 1968) führten dreieinhalb Jahre den Offraum „Raum für vollendete Tatsachen“ an der Oberbilker Allee 317 und zeigten 27 Ausstellungen. Sie ist Meisterschülerin von Richard Deacon und wurde durch diverse Lehraufträge, Arbeitsstipendien, eigene Ausstellungen und Beiträge als Kuratorin bekannt.

Christian Schreckenberger ist Meisterschüler von Alfonso Hüppi und seit 2015 Professor für Experimentelle Gestaltung an der Essener Folkwang-Universität der Künste für die Bachelor Studiengänge Industrial Design, Kommunikationsdesign und Fotografie.

Detlef Klepsch, Jg. 1956, hat in Hamburg freie Kunst und in Düsseldorf Medienkunst studiert. Der Meisterschüler von Nam June Paik gilt als Multitalent. Seine Arbeitsfelder sind Musik, Geräusch, Film, Video, Fotografie und Zeichnung. Er liebt die offene Form und lotet Synergien in den verschiedensten Feldern aus. Von ihm stammen Kurzfilme, Kompositionen, musikalische Auftritte mit der Aktionsgruppe „Minus Delta t“, Musik-Clips für „Boys in trouble“, „Superbilk“, „Heavy Gummis“ und „Jesse Adams“. Er ist Mitbegründer des Internetprojekts für Video- und Audiokünstler „moovs“. Seit 2007 arbeitet er mit Anne Schülke an Literatur- und Videoprojekten zusammen.

Anne Schülke, Jg. 1973, ist Literaturwissenschaftlerin, Autorin und Medienkünstlerin. Nach Studien der Germanistik und Philosophie sowie der Promotion an der Heinrich-Heine-Universität publiziert sie seit 2006 und ist Co-Autorin von Experimentalvideos. Seit 2011 hat sie diverse Lehraufträge an Hochschulen. Seit 2012 gibt sie mit Detlef Klepsch „Zat“ heraus, ein Heft für interdisziplinäre künstlerische Arbeiten. Es richtet sich an Künstler, die sich mit Bild und Text beschäftigen.

Das Programm

Als erstes starten Maderthaner und Schreckenberger mit Heinrich Weid (Jg. 1963). Der Meisterschüler von Alfonso Hüppi realisierte als freier Künstler zahlreiche Projekte im öffentlichen und privaten Raum. Seit 2005 ist er Professor für Darstellen und Gestalten an der Bergischen Universität Wuppertal im Fachbereich Architektur. 2013 gründete er  das Museum für Autokolonialisierung, ein Museum ohne festen Ort, das Sinn und Ziel musealer Sammlungen unter dem Aspekt des Fetisches Auto hinterfragt.

Nach seinem Internet-Auftritt zu urteilen, macht er Installationen, Möbel, Keramik, Tapeten, Bildern sowie Kunst am Bau. Parallel dazu wird das Performer-Duo Kroot Juurak und Alex Bailey aus Wien eingeladen.

Einladung an Künstlergruppen und Kollektive

Das Duo Klepsch-Schülke interessiert sich für Kunst an der Schnittstelle zwischen Bild, Text und Ton. Sie wollen Künstlergruppen und Kollektive einladen, die sich gemeinsam Projekte ausdenken. Sie beginnen im April mit Matthias Neuenhofer, Jg. 1965, Meisterschüler von Nam June Paik, Absolvent der Kunsthoschule für Medien in Köln und Leiter der Medienwerkstatt an der Kunstakademie. Neuenhofer hat mit Marcel Odenbach die veralteten Labore in der Pfandleihe auf den neuesten Stand gebracht. In der Tradition der abstrakten Videokunst nutzt er Feedbackprozesse, um die Grundlagen des Bildes auszuloten. Jüngere Arbeiten beziehen verfremdete Kameraaufnahmen mit ein, um Computeralgorithmen auf sie anzuwenden. Er wird Susanna Schoenberg, Volker Hennes, Tobias Grewenig und Gabriele Seifert mit einbeziehen.

Die Organisationsform

Der Verein der Düsseldorfer Künstler zur gegenseitigen Unterstützung und Hilfe stammt von 1844. Er gehört also zu den ältesten Künstlerorganisationen Deutschlands. Er gründete 1900 zusätzlich den Verein zur Veranstaltung von Kunstausstellungen und betreut das Atelierhaus Sittarder Straße. Er genießt das Vertrauen der Stadt, und er übernimmt die buchhalterische Seite des Kunstraums. Michael Kortländer erklärt als Sprecher des Vereins und als Ausrichter der Großen Kunstausstellung NRW die Zusammenhänge des Neuen Kunstraums mit seinem Verein. Danach entsteht ein „eigenverantwortlich und selbstständig handelnder Arbeitsausschuss innerhalb des Vereins zur Veranstaltung von Kunstausstellungen.“ Er übernimmt die organisatorische und konzeptionelle Ausrichtung der Ausstellungen und Veranstaltungen. Er besteht aus den Künstlern, die den Kunstraum programmatisch verantworten.

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