Ronja Räubertochter wird zur großen Oper

Ronja Räubertochter wird zur großen Oper

Jörn Arnecke hat ein prachtvolles Werk für die ganze Familie komponiert. Die Musik ist anspruchsvoll und modern.

Duisburg/Düsseldorf. Eine trutzige graue Burg im Wald, Räuber, Blitz und Donner - es fängt gleich aufregend und stimmungsvoll an im Opernhaus. Komponist Jörn Arnecke (geb. 1973) und sein Librettist Holger Potocki schöpfen hier bereits aus dem Vollen. Es ist der Auftakt der Kinderoper „Ronja Räubertochter“ nach Astrid Lindgrens gleichnamigem Jugendbuch. In Auftrag gegeben wurde die musikalische Bühnen-Adaption von der Deutschen Oper am Rhein.

Die Zuschauerreihen im Theater Duisburg sind voll mit Kindern. Und recht schnell weicht jugendliche Unruhe neugieriger Stille. Man merkt, dass die Autoren wissen, was bei Kindern Aufmerksamkeit erregt. Im Graben produzieren die Duisburger Philharmoniker den vollen Orchester-Sound. Arneckes Musik erweist sich als durchaus anspruchsvoll. Zu Gehör kommt keine simplifizierte Romantik, sondern eine moderne Musik mit dissonanten Reibungen.

Das orchestrale Farbenspiel gelang Arnecke allerdings so schillernd und so passend zum Sujet, dass die jungen Zuhörer offenbar gar nicht erst auf die Idee kamen, sich in ihren musikalischen Erwartungen irritiert zu fühlen. Neben ein paar rauen Harmonien gibt es aber auch sanfte, balsamische Klänge und Gesangslinien, die an romantische Orchesterlieder erinnern. Vor allem die Räuber-Mutter Lovis (mit weichem, dunklen Timbre: Marta Márquez) bringt viel weibliche Humanität in die rohe Räubersippe.

Die nicht gerade kurze Handlung wurde hier auf knapp zwei Stunden komprimiert. Es beginnt mit der Geburt einer Tochter des Räuberhauptmanns Mattis (stimmlich schön und sehr textverständlich: Torben Jürgens).

Nur einen Räubertanz später befindet sich Ronja schon im Teenager-Alter und will die Welt außerhalb der Burg kennenlernen.

Im Wald begegnen ihr unheimliche Wesen, die sie bedrohen — und ein Junge in ihrem Alter: Birk Borka (überzeugend in der Hosenrolle: Heidi Elisabeth Meier). Die beiden sind sich gleich sympathisch. Doch es gibt ein Problem, das nicht von Pappe ist: Birk ist Sohn des Hauptmanns der feindlichen Borka-Räuberbande. Es bahnt sich ein Liebesdrama à la Romeo und Julia an.

Die musikalisch wie szenisch sehr ausdrucksvolle und kurzweilige Kinderoper gewinnt zusätzlich an Sogkraft durch die lebendige und visuell äußerst ansprechende Inszenierung. Regisseur Johannes Schmid und Bühnenbildnerin Tatjana Ivschina schufen nicht nur ein filmreifes Räubermilieu, sondern auch einen tiefgrünen Wald mit graubraunen Felswänden wie aus dem Märchenbuch.

Nicht nur Kinder und Jugendliche dürften empfänglich sein für solch atmosphärische Illustrationen. Überhaupt geht das Stück über seine Jugend-Bildungsfunktion hinaus und bereitet auch erwachsenen Romantikern Genuss — so wie auch die Literatur der Astrid Lindgren generationenübergreifend Leser findet.

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