Rocko Schamoni liest im Zakk Düsseldorf aus "Große Freiheit"

Literatur : Rocko Schamonis schlaffe Erzählung von einem Puff-Boss

Der Musiker schildert in seinem neuen Roman „Große Freiheit“ die Geschichte von Kiez-Legende „Wolli“ Köhler. Nun kommt er ins Zakk.

St. Pauli – das ist die Reeperbahn, das ist die Große Freiheit mit Nachtclubs, Musikclubs, Diskotheken. Der Stadtteil des nächtlichen Amüsements, der Randständigen, der Ausgegrenzten, der Künstler. Der Stadtteil, wo Musiker, Boxer oder Bordell-Besitzer zu Prominenten, zu Kultfiguren, zu Legenden avancierten. St. Pauli ist die wilde, bunte, exzessive Gegenwelt zum normalbürgerlichen Dasein: Hier locken Tanz, Spiel, Alkohol, Drogen, Sex. St. Pauli ist ein Mythos. Aber hinter dem Mythos steckte schon immer eine brutale Realität: Prostitution, Drogengeschäfte, Kriege zwischen Bordell-Bossen, Schlägereien, Morde. Wenn sich nun ein Schriftsteller vornimmt, die Geschichte einer Hauptfigur des Hamburger Rotlicht-Milieus zu erzählen, erwartet der Leser ungeschönte Einblicke aus dem Innenleben dieser uns so fremden „Parallelwelt“. Und wenn ein Autor für dieses Vorhaben prädestiniert zu sein scheint, ist es Rocko Schamoni, der Musiker, Entertainer, Schauspieler und Club-Betreiber: Weil er den Kiez in- und auswendig kennt und die dortigen Entwicklungen kritisch beobachtet, etwa Gentrifizierung, Abriss von Kult-Stätten, Neubauten, Grundstücksspekulation.

Schamoni schildert in seinem neuen Roman „Große Freiheit“ die Lebensgeschichte von Wolfgang „Wolli“ Köhler, der in den 1960er Jahren vom gelernten Autoschlosser zum Puff-Boss von St. Pauli aufsteigt. Wolli Köhler existierte wirklich, schon der Schriftsteller Hubert Fichte (1935-1986) machte ihn in seinem Interview-Band „Wolli Indienfahrer“ bekannt. Schamoni hat den Bordell-Besitzer in seinen letzten Lebensjahren kennengelernt, mit ihm viele Gespräche geführt, sich mit ihm angefreundet. Der Künstler ist seiner Aura verfallen, wie er selbst einmal bekundete. Seit Köhlers Tod 2017 verwaltet Schamoni den Nachlass und engagiert sich dafür, dass er nicht aus dem kollektiven Gedächtnis verschwindet. Er organisierte zu Ehren Köhlers eine Lesung von „Wolli Indienfahrer“ im Schauspielhaus, kuratierte eine Ausstellung mit erotischen Bildern des Rotlicht-Antihelden. Nun der knapp 290-seitige Roman, dem Schamoni noch weitere Teile folgen lassen will. Konsequent, dass er das Genre des Entwicklungsromans wählt, so kann er Köhlers ungewöhnliche Vita chronologisch aufziehen.

Er flieht von zu Hause im sächsischen Waldheim und startet in St.Pauli als Drogendealer – in diesem Metier wird er dank rhetorischer Überzeugungskünste schnell erfolgreich. Nur finanziell läuft es noch nicht rund, weswegen Köhler gezwungen ist, Tag für Tag in einem Männerobdachlosenheim zu übernachten. Doch über Kontakte arbeitetet er zunächst als Koberer (auf der Straße animiert er Männer, in Nachtclubs zu gehen), Theken-Kraft, Wirtschafter, Erotik-Kino-Betreiber und schließlich Bordell-Chef. Köhler verkehrt mit Rotlicht-Königen, Zuhältern, Dealern, Huren, Boxern, Transvestiten – darunter Szene-Größen wie Erotik-Theater-Pionier René Durand, der Gründer des legendären Star-Club Manfred Weissleder oder Boxlegende Norbert Grupe alias Prinz von Homburg. Hautnah verfolgt Wolli, wie die Beatles zur Star-Band aufsteigen. Als außergewöhnlich erweist sich Wollis Passion für Kunst und Literatur: er liest Goethe und Schiller, aber vor allem die US-amerikanischen Beat-Literaten Allen Ginsberg, William S. Burroughs und Jack Kerouac, schreibt und zeichnet selbst, trifft in Kneipen immer wieder auf seinen späteren Chronisten Hubert Fichte oder besucht legendäre Kunstaktionen wie  die „Erste Internationale Ausstellung von Nichts“, bei der Herbert Schuldt leere Bilderrahmen und unbemalte Leinwände in einer verfallenen Hamburger Villa ausstellt – zum Erstaunen der Besucher kauft Wolli sogar ein „Nichts“-Bild für 3500 Mark.

Außerdem zeigt sich Köhler als politisch interessierter Zeitgenosse. Schamoni verknüpft die Biografie seiner Hauptfigur mit dem innerdeutschen und weltpolitischen Geschehen. Die Wahl John F. Kennedys zum US-Präsidenten, die Spiegel-Affäre – Wolli kommentiert die Ereignisse mit linker, anti-bürgerlicher Haltung. Zum Feindbild des Kiez-Volks mutiert Regierungsamtmann Kurt Falck, der mit Razzien den Sündenpfuhl austrocknen will – er gilt als Repräsentant des muffigen, spießigen Nachkriegs-Deutschland.

Auch sein Liebesglück findet Köhler in „Sankt Liederlich“ – „Maulwurf“, eine Prostituierte. Sie führen eine schwierige, mit Gewalt gespickte Beziehung, scheinen sich aber beide damit zu arrangieren, dass sie mit anderen Männern und Frauen schlafen – ob bezahlt oder unbezahlt. Innere Kämpfe scheint es bei beiden nicht zu geben, ist es ihnen gleichgültig? Aber auch das Körper-als-Ware-Business, die Brutalität der Zuhälter, der Niedergang oder der Tod von Weggefährten scheinen Wolli nicht sonderlich zu berühren – so vermittelt es Schamoni jedenfalls. Doch selbst wenn Köhler endlos fasziniert gewesen sein sollte vom rauschhaften Dasein im Kiez – er selbst dröhnt sich permanent mit Drogen und Alkohol zu – wird dieser Rausch nicht fühlbar. Dafür ist Schamonis Sprache zu fantasielos, zu unoriginell, zu abgegriffen. Beispiel: „Der Laden ist mittlerweile brechend voll.“ „Große Freiheit“ dient aber immerhin als Bildungslektüre mit solider Unterhaltung.

Rocko Schamoni: Große Freiheit, am 10.4. im 20 Uhr im Zakk.VVK: 18 Euro, AK: 22 Euro. Mehr Infos unter:

www.zakk.de

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