Robert Wilson inszeniert „Das Dschungelbuch“ am Schauspielhaus Düsseldorf

Premiere : Dschungelbuch-Regisseur Wilson: „Im Theater muss man die Kindheit zurückerobern“

Interview Regisseur Robert Wilson (78) inszeniert „Das Dschungelbuch“ am Schauspielhaus. Ein Gespräch über Kindheitsträume, Theaterarbeit und Zauber.

An seinem 78. Geburtstag, 4. Oktober, wurde Robert Wilsons Deutung von Rudyard Kiplings „Dschungelbuch“ (jungle book) in Paris bejubelt – der Stadt, in der der gebürtige Texaner bereits vor 50 Jahren Erfolge als Theater- und Opern-Regisseur feierte. Wilsons Show im „Le 13ème Art-Théâtre de la Ville“ feiert heute im Schauspielhaus Düsseldorfer Uraufführung: Er erarbeitete hier eine ähnliche, wenn auch leicht veränderte Fassung mit Schauspielhaus-Darstellern, die singen und tanzen können. Das Außergewöhnliche: Das schräge, amerikanische Folk-Duo „Coco-Rosie“ komponierte in den letzten Tagen noch zwei Songs hinzu.

„Das Dschungelbuch“ könnte der Knüller der kommenden Theater-Saison werden. Wie vor drei Jahren, als Robert Wilson E.T.A. Hoffmanns „Sandmann“ als fantasievolle High-Tech-Reise in surreale, manchmal düster bizarre Welten herausbrachte und der Landeshauptstadt einen Kassenschlager bescherte – stürmisch bejubelt sogar bei einem Gastspiel in Shanghai, in einem der größten Theater Chinas.

Der Grandseigneur surrealer Bilder, magischen Lichts und fantasievoller High-Tech-Bühnenmaschinen arbeitet wie besessen, ist dauernd auf Achse, rund um die Welt, nahezu 364 Tage im Jahr. Nur Weihnachten will vermutlich niemand mit ihm über die nächste Produktion sprechen. Makellos, in Vorstands-Etagen-Zwirn, empfängt Monsieur in der Künstlergarderobe und sinniert im WZ-Interview über sein Verständnis von Dschungelbuch und Theater.

Das „Dschungelbuch“ auf der Bühne des Schauspielhauses wird wenig mit dem Disney-Film zu tun haben. Foto: dhaus/Lucie Jansch

Warum machen Sie mit 78 das „Dschungelbuch“?

Robert Wilson: Gut, dass Sie nicht fragen, wie ich Ihre Stadt finde. (Er lacht, dann ironisch:) In Paris hat mich das gerade Ihre Figaro-Kollegin gefragt. Im Ernst: Die Fabel von Mowgli und den Tieren ist zeitlos und universell. Bin gespannt, ob es ein Erfolg wird. Aber ich mache es für die ganze Familie, auch für Kinder. Ich bewahre mir das Kind im Kopf, das muss man, auch wenn ich Medea oder Turandot inszeniere. Berührend fand ich es zum Beispiel, wie die große Montserrat Caballé in meiner „Salome“ wie ein kleines unschuldiges Mädchen Jochanaans abgeschlagenen Kopf auf einer Schale vor sich hertrug.

Ein Künstler sollte sich seine Kindheit bewahren?

Wilson: Ja. Im Theater muss man sich die Kindheit zurückerobern. Wie Baudelaire schrieb, man muss sie mit dem Bewusstsein eines Erwachsenen wieder entdecken.

Wie haben Sie in Ihrer Jugend Theater erlebt?

Wilson: Als ich in Texas die Highschool besuchte, gab es offiziell keine Theater. Theater galt als unmoralisch. Es war Sünde, ins Theater zu gehen. Und beim Gottesdienst wurden die Namen der Menschen, die gesehen wurden, als sie sich in ein Theater schlichen, offen vorgelesen. „Ich muss für Dich beten“, sagten sie mir.

Und später in New York?

Wilson: Broadway-Shows fand ich unerträglich. Erst beim neoklassischen Ballett von George Balanchine (New York City Ballet) habe ich zum Theater gefunden.

Wirken deshalb die meisten Ihrer Arbeiten (auch „Sandmann“) wie Choreographien?

Wilson: Ja. Denn auf der Bühne dominiert die Bewegung. Auch wenn man stillsteht, ist es eine Bewegung. Für mich gilt deshalb: Jedes Theater ist Tanz. Denken Sie an Stummfilme mit Charlie Chaplin. Er agierte auch wie ein Tänzer.

Und Stimme und Musik?

Wilson: Da halte ich es mit John Cage. Erst aus der Ruhe und Stille entstehen Geräusche. Man nimmt plötzlich wahr, (er schnalzt mit Zunge und schnipst mit den Fingern) wenn es „Klack, klack, Klack“ macht.

Sie planen auch Ihre Bühnenbilder, die manche als magisch bezeichnen? Wie entstehen sie?

Wilson: In erster Linie ist es die Bühnen-Architektur. Ich habe ja weder Theaterwissenschaft noch Regie, sondern Architektur studiert. Aber es geht mir immer um ein großes Ganzes, ein Gesamtwerk. Und ich entwickle es aus meiner Erfahrung. Meine Werke, auch das „Dschungelbuch“, spiegeln daher mein gelebtes Leben.

Und das Licht?

Wilson: Das Erste, was ich mache, ist das Licht. Ohne Licht kein Raum. Ich verstehe kaum, warum Regisseure – ich erlebte es in Stuttgart – stundenlang mit Schauspielern an Tischen hocken und Texte lesen. Bei mir müssen sie sich im Licht auf der Bühne bewegen. Vielleicht sehe ich  Theater ja eher als formale Kunst – ohne viel Psychologie.

Die strengen, künstlich wirkenden Bilder erinnern manchmal an asiatische Theaterform.

Wilson: (Er lacht) Das sagen Kritiker immer wieder. Fakt ist: Ich habe mich nie für asiatisches Theater interessiert und erst spät japanisches Nō-Theater kennengelernt. Das Unglaubliche daran ist: Die Gesten und Bewegungen der Nō-Darsteller heute stammen aus dem 14. Jahrhundert. Sie haben keine konkrete Bedeutung, sondern sind abstrakt gemeint. Einen Zauber können sie nur dann entstehen lassen, wenn sie dem eigenen Körper vertrauen.

Und wie erzeugen Sie in Oper und Theater den Wilson-Zauber?

Wilson: Die Zuschauer müssen alles verstehen, sich bei Monologen in Gedanken verlieren können. Sie müssen in sich hinein hören und nach außen lauschen – wie sie Vögeln beim Zwitschern zuhören.

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