Premiere im Düsseldorfer Central: Der gescheiterte "Schwejk"

Theaterpremiere: Der gescheiterte „Schwejk“

Premiere im Central: Die Inszenierung von Jaroslav Haseks Antikriegs-Roman geht unter der Überlast an Figuren und Medien unter.

Knapp 1000 Seiten umfasst der Schelmenroman „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ von Jaroslav Hasek (1883-1923). Diesen Stoff auf die Bühne zu bringen, ist allein des Umfangs wegen schon eine Herausforderung. Hinzu kommt, dass der „tschechische Urfaust“ nicht einfach zu bearbeiten ist, zumal er wie hingeschleudert wirkt: da mischen sich endlos viele Anekdoten, die Handlung schweift von Episode zu Episode.

Schauspieler Peter Jordan und Regisseur Leonhard Koppelmann gingen noch weiter: Jordan hat den „Schwejk“ umgeschrieben. In seiner Version schickt er den böhmischen Hundezüchter und Anti-Helden nicht nur in den Ersten Weltkrieg, sondern in viele Kriege. Auf seinem Streifzug durch die Menschheitsschlachten trifft Schwejk auf allerlei Figuren der Weltgeschichte, der Literatur oder des Films. Kriegshelden, Kriegstreiber, Kriegsverlierer. Darunter Perserkönig Xerxes, Büchners Woyzeck, Schillers Wallenstein, Hitler, die Alte Welt, Europa, Figuren aus Oliver Stones Anti-Kriegsfilm „Platoon“ oder Ted Kotcheffs Action-Kultstreifen „Rambo“.

Jordan hat Jaroslav Haseks Mammutroman auf wesentliche Stationen reduziert, zugleich um etliche Figuren erweitert. Schwejk trifft in knapp zwei Stunden auf fast 40 Personen. Den braven Soldaten spielt Peter Jordan selbst, Tabea Bettin, Kilian Land, Jan Maak, Hanna Werth und Minna Wündrich schlüpfen in alle anderen Rollen. Geht dieses theatrale Mammutprojekt gut?

Die Premiere am Freitagabend im Central beginnt vielversprechend. Eine riesige eiserne Mauer nimmt die Bühne ein, ein Eingang links, ein Ausgang rechts. Sie symbolisiert Gefängnis, territoriale Grenze, Hinrichtungsmauer und die „Mauer im Kopf“. Eine schlüssige Kulisse von Michael Sieberock-Serafimowitsch, die von den Schauspielern zum „Mitakteur“ gemacht wird. Zunächst von Schwejk, der dem Publikum erzählt, wie er ins Strafbataillon gelangt ist. Er hatte nach der Ermordung von Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajevo den Kaiser verunglimpft. Nun fegt und putzt er und erzählt von der  Sinnlosigkeit des Krieges.

Peter Jordan bringt Schwejks vielschichtigen Charakter überzeugend auf die Bretter: als Einfaltspinsel, als Clown, als Widerstandsgeist, als Überlebenskünstler, schließlich gar als Herrscher. Nie ist der brave Soldat wirklich zu durchschauen, er bleibt rätselhaft.

Glaubwürdig wird Schwejk aber auch deswegen, weil Jordan ihm einen böhmischen Slang verpasst. Und sich trotz der Kriegsbarbarei, trotz der unmenschlichen Menschheit seinen Humor nicht rauben lässt. Etwa, wenn er auf die Frage des aufstiegswilligen Hitler, ob er „Jode“ sei, entgegnet, ob er keine „Us“ möge.

Es sieht zunächst so aus, als würde Schwejk militärische Autoritäten, bekannteste Feldherren oder spätere Diktatoren und ihre Kriegsmissionen mit Sprachwitz ad absurdum führen. Aus dem Lautsprecher erklingen immer wieder Marschmusiken oder die Kriegserklärung, die Österreich-Ungarns an Serbien per Telegramm zukommen ließ. Türgeräusche werden eingespielt. Ebenso Detonationen, Sirenen oder Hubschrauber. Leonhard Koppelmann macht aus dem Theaterstück auch ein lebendiges Hörspiel.

Allmählich beschleunigen Jordan und die anderen Darsteller dann das Spieltempo. Um die Mauer herum vollziehen sie einen immer rasanteren Reigen. Die eine Tür geht auf, eine Person tritt auf die Bühne, die nächste Person kommt rein, sie begegnen sich, eine Person verschwindet wieder, eine weitere erscheint. Es kommt zu unmöglichen Begegnungen, etwa zwischen Schweijk und Major von Tellheim aus Lessings „Minna von Barnhelm“.

Irgendwann kommt Wallenstein hinzu, der willkürlich befiehlt, Tellheim zu erschießen, bis Butler, der mit Wallensteins Ermordung beauftragt ist, Schwejk „vorsorglich“ erschießen lassen will. Die Schauspieler wechseln die Kostüme und Rollen in Hochgeschwindigkeit und vollführen einen unglaublichen körperlichen und geistigen Kraftakt.

Doch, was die erste Stunde noch spannend, lustig und originell daherkommt, kippt immer mehr ins Gegenteil um. Die Kriegshölle wird immer dramatischer: die Mauer platzt auf, Lärm und Rauch weit und breit und der Figurenreigen scheint kein Ende zu nehmen. Als irgendwann schwer bewaffnete Special Forces auf der Mauer auftauchen, wähnt man sich nur noch in einem Action-Film. Das Stück geht unter im medialen Overkill, viel zu viele Figuren geben sich viel zu schnell die Klinke in die Hand. Reizüberflutung total. Es bleibt keine Zeit mehr, das Gesehene und Gehörte zu verarbeiten. Der rote Faden entschwindet, das Stück zerfranst. Die Geschichten bleiben oberflächlich, die Darsteller vermögen keine Emotionen mehr zu entfachen. Lange bevor das Stück endet, wünscht sich der Rezensent das Ende herbei.

Als die Bühnenlichter ausgehen, fühlt es sich an, als wäre er von einer Qual erlöst worden. Peter Jordan und Leonhard Koppelmann sind an ihrer selbst gewählten Herkulesaufgabe gescheitert.

Info: „Schwejk“ im Central, Große Bühne, Worringerstraße 140. Die nächsten Aufführungen am 4. Und 22. Februar um 19.30 Uhr sowie am 10. Februar um 16 Uhr. Weitere Informationen im Internet:

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