Premiere: Eine Salonkomödie aus dem Sanatorium

Premiere: Eine Salonkomödie aus dem Sanatorium

Im Theater an der Kö überzeugen die Darsteller im „Kurschattenmann“ von Heinersdorff.

Düseldorf. Reiche Witwen - bitte anschnallen! Zumindest sollten Sie die Geldbörse festhalten, am besten verstecken oder gar nicht erst mitnehmen.

Denn der „Kurschattenmann“ namens Ulrich lädt Sie zwar gerne ein, lässt die Zeche aber meist die Damen bezahlen. Und hat’s auf deren Konten abgesehen.

Er — die Hauptfigur im neuen Stück im Theater an der Kö — ist zwar in die Jahre gekommen und hat Gewichtsprobleme. Egal, er (Volker Brandt) verzaubert die Damenwelt durch wunderbare Fantasiegeschichten.

Ja, Monsieur lügt so sehr, dass sich die Balken biegen. Da braucht es schon eine ebenbürtige Lügen-Baronin namens Oda (Simone Rethel), um dem schmierigen Scharlatan das Handwerk zu legen.

Eine süffige Salonkomödie schrieb da René Heinersdorff und ließ sie jetzt in seinem Theater von Horst Johanning locker- flockig in Szene setzen. Der Premieren-Jubel galt besonders der illustren Damenriege, angeführt von Jopie-Witwe Simone Rethel und Ex-Kult-Comedy-Star Ingrid Steeger.

Und Volker Brandt, Ex-TV-Kommissar in mehreren Serien, der mit Ende 70 immer noch erstaunlich fit ist, temperamentvoll draufhaut und mit Charme das vermeintlich schwache Geschlecht bezirzt. Ort: eine Psycho-Klinik in Bad Pyrmont, wo feine Damen oder solche, die so tun als ob, Neurosen auskurieren.

Als Zaungast, Nervensäge und Frauen-Versteher par excellence immer dabei: der reife Ulrich mit grauen Schläfen und in knallroten engen Jeans, die seinen Bauch so richtig zur Geltung bringen. Sie hätten filigrane Körper, seien für ihn wie Grashüpfer, Seepferdchen oder ein Flamingo. Bei den Kosenamen zeigt sich Ulrich ebenso erfinderisch wie bei seiner Biografie.

Für die eine ist er ein Banker, für die andere ein hoch dekorierter Kapitän zur See, für die dritte ein Stararchitekt und Baulöwe. Zwar träumen die Damen im Sanatorium in der Nähe von Hameln von einem kuscheligen Lebensabend und lassen sich anfangs vom schönen Schwindel betören. Doch sind die vier zu clever, als dass sie auf den Rattenfänger hereinfallen würden.

Regisseur Johanning sorgt für temporeiche Pointen und scharf gezeichnete Typen. Brandt nimmt man den notorischen Aufschneider und Heiratsschwindler ab.

Ebenso überzeugend und komisch wirkt das Frauen-Quartett. Neben Christine Schild als misstrauische Alice und Christine Rücker als zickig kommandierende Oberschwester Isabel, die Ulrich schon seit zehn Jahren verfallen ist, amüsieren auch Rethel und Steeger, jede in ihrer Art.

Ingrid Steeger mit ihrer unverwechselbaren „Klimbim“-Stimme beweist sich als betuchte, aber ängstliche Witwe, die sich zu starken Männern hingezogen fühlt. Simone Rethel indes begeistert als coole Zigarren qualmende Oda, die sich im engen Feinseidenen auf dem Steinway räkelt und Lügen auftischt, die das Seemannsgarn des Kurschattenmanns als harmlose Erfindungen erscheinen lassen.

Mehr von Westdeutsche Zeitung