Pianist Hamelin: Der die harten Nüsse knackt

Pianist Hamelin: Der die harten Nüsse knackt

Marc-André Hamelin beeindruckt mit grandioser Spieltechnik.

Düsseldorf. Kerzengrade sitzt er am Flügel, der kanadische Pianist Marc-André Hamelin. Die strenge Körperhaltung suggeriert die Präsenz von Disziplin und Kontrolle. Hier herrscht ein fester Wille. Zufälligkeiten, spontane Launen haben keinen Platz in Hamelins Welt des künstlerischen Kalküls.

Hinter dieser statuarischen Silhouette verbergen sich allerdings enorme Kraft und tastenakrobatische Beweglichkeit. Deutlich wird dies in der virtuoser Wiedergabe von Werken Maurice Ravels, Karlheinz Stockhausens und Johannes Brahms’ sowie eigenen Variationen über ein Thema von Paganini.

Hamelin überzeugt überall dort, wo es spieltechnisch schwierig wird und es harte Nüsse zu knacken gilt. Ravels dreisätziges märchengeisterhaftes Klavierwerk „Gaspard de la Nuit“ verlangt vom Pianisten nicht nur die Bewältigung vieler Noten in hoher Geschwindigkeit, sondern auch Eleganz sowie den Anschein von Leichtigkeit und viel Sinn für Klangfarben.

Das Tempo, in dem er die leisen hellen Akkorde des 1, Satzes „Ondine“ (Name der Seejungfrau) repetiert, grenzt ans Übernatürliche. Und der Schlusssatz „Scarbo“ (Name eines Zwergs, der sich zum Riesen aufbläht) gelingt messerscharf und hochtransparent. Subtil und dezent schlägt er die Tasten an im langsamen, makaberen Mittelsatz „Le Gibet“ (Der Galgen).

Hamelin erweist sich auch hier als Tüftler, der so lange am Klang feilt, bis alles genau seinen musikalischen Vorstellungen entspricht. Im Falle eines so atmosphärischen Satzes kann die Perfektion leider auch zu Langeweile führen. Denn die klinische Exaktheit grenzt an Sterilität und immunisiert sich unwillkürlich gegen das Geheimnis des Augenblicks.

Ein abstraktes, aber vielschichtiges Werk wie Stockhausens Klavierstück IX ist bei einem Klang-Alchimisten wie Hamelin in den besten Händen. Da wirkt alles wie gemeißelt und archivarisch eingeordnet. Bei einem romantischen Opus wie der Sonate f-Moll von Johannes Brahms beeindruckt die Brillanz zwar auch, doch fehlt oft etwas Charakteristisches.

So erlesen Hamelin auch die breit angelegte Steigerung des 2. Satzes zelebriert, so indifferent wirkt sein Spiel gegenüber dem stolzen, jugendlich-prahlerischen Aplomb des 1. Satzes. Ganz und gar verschroben erscheint Hamelins Interpretation der Sonate e-Moll von Joseph Haydn.

In Hamelins rätselhaft romantisierender Deutung bleibt von der humanistischen Heiterkeit des Wiener Klassikers nichts Erkennbares mehr übrig. Umso erfreulicher die Zugabe, Hamelins eigene Paganini-Variationen — humoristisch, voller Überraschungseffekte und frappierend virtuos.

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