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Orazio di Bella, Tänzer an der Rheinoper, beschreibt die Pandemie.

Serie „Blick in die Zukunft“ : „Es hat mich an meine Grenzen gebracht“

Gastbeitrag Momentan empfindet Orazio di Bella wie viele andere im Ballett am Rhein die Zeit als Kampf gegen ein unsichtbares Monster. In unserer Serie „Blick in die Zukunft“ freut sich der Tänzer an der Rheinoper unbändig darauf, wieder durchatmen zu können.

Mein Blick in die Zukunft beginnt mit einem Blick zurück, denn niemals hätte ich mir vorstellen können, dass ein kleiner, unsichtbarer, hoch ansteckender Mikroorganismus die ganze Welt auf den Kopf stellen könnte und mein Leben als Tänzer gleich mit.

Während viele mit ihrer Arbeit ins Homeoffice ausweichen konnten, ist es für alle, die in der Kunst arbeiten und für sie leben, nicht so einfach. Als die Pandemie uns in den ersten Lockdown zwang, wurden wir mitten aus einer ziemlich hektischen Saison beim Ballett am Rhein gerissen. Die Vollbremsung kam einen Tag vor einer Premiere, und die Absage aller Vorstellungen fühlte sich an wie eine eiskalte Dusche. In der Küche tanzen, die Möbel zusammenschieben, um ein bisschen mehr Platz zu gewinnen – am Anfang war das okay.

Dann wurden aus Tagen Wochen und aus Wochen Monate. Ich fühlte mich komplett aus der Form, und meine Motivation war im Keller. Während dieser langen Tage fehlten mir neben regelmäßigen Trainings und Proben im Balletthaus mindestens genauso sehr der Raum und das Gefühl von Freiheit, das man zum Tanzen braucht.

Selbst der Abschied
musste ausfallen

Nicht mit der Compagnie zusammenkommen zu dürfen, Kollegen und Freunden nicht nahe sein zu dürfen, war extrem hart für mich – vor allem, als es im Sommer hieß, Abschied zu nehmen von allen, die die Compagnie und damit größtenteils die Gegend verlassen haben, weil wir einen Wechsel in der Direktion hatten. Keine letzten Umarmungen.

Nach der Sommerpause dann das Gleiche in umgekehrt: Zurückkommen in ein neu gemischtes Ensemble und kein Möglichkeit, alle gleich kennenzulernen, weil wir immer noch Abstand halten und weil große Gruppen vermieden werden müssen. Was ich trotz des großen Glücks, wieder gemeinsam trainieren und proben zu dürfen, immer noch sehr vermisse, ist die Tatsache, dass ich mit niemand direkt zusammen tanzen darf, nicht diesen Prozess erleben kann, dass im Idealfall eine gemeinsame Chemie entsteht. Ich tanze absolut gern auch allein, keine Frage, aber das Gefühl, mit jemandem diese Momente auf der Bühne zu teilen, ist einfach unbeschreiblich. Motiviert zu bleiben und nach vorne zu schauen, war nicht immer leicht für mich in den letzten Monaten.

Auch wenn ich mich als einen sehr positiven Menschen beschreiben würde, hat es mich sehr an meine Grenzen gebracht, nicht tanzen zu können und zu Hause bleiben zu müssen. Tänzer zu sein, ist so viel mehr als ein Beruf, es ist eine Lebenseinstellung. Dazu kommt, dass die Karriere eines Tänzers vergleichsweise kurz ist – jeder Tag, den ich nicht zum Tanzen nutzen kann, ist auch deshalb ein verschwendeter Tag.

Hoffnung auf Rückkehr
zur Normalität

Wie wir alle hoffe ich und träume ich davon, dass die Pandemie bald vorbei ist und wir zu unseren normalen Leben zurückfinden – was auch immer dann normal sein wird. Als Tänzer freue ich mich am meisten darauf, ohne irgendwelche Einschränkungen und vor allem ohne Distanz arbeiten zu können. Und ich freue mich darauf, endlich wieder als Compagnie zusammen tanzen und das zeigen zu können, was wir in den letzten Monaten einstudiert ­haben.

Und endlich freue ich mich darauf, wieder auf unsere schönen Bühnen zu treten und das tun, was ich am meisten liebe und dabei die warme Energie zu aufzusaugen, die ein Live-Publikum ausstrahlt – endlich wieder Emotionen verschenken, unterhalten, Geschichten erzählen, das großartige Gefühl genießen, sich nach einer Aufführung zu verbeugen.

Und natürlich kann ich es kaum erwarten, endlich wieder die Freiheit zu haben, Freunde und Verwandte zu umarmen, meine Eltern und meine Oma in die Arme zu schließen und zu küssen. Ich freue mich wahnsinnig darauf, frei planen zu können und zu reisen, wohin ich will. Und nicht zuletzt freue ich mich auf den Tag, an dem niemand mehr physisch und wirtschaftlich unter diesem unsichtbaren Monster leiden muss.