Open-Source-Festival-Kongress Düsseldorf: Fantasie gegen Big Data

Kongress : Ein Appell, das schöpferische Denken zu stärken

Beim allerletzten Kongress des Open-Source-Festivals trafen sich Künstler, Architekten, Designer, Wissenschaftler, Journalisten und Aktivisten, um über ihre Visionen für eine zukünftige Gesellschaft zu debattieren. Im Mittelpunkt standen die Macht der Maschinen auf den Menschen, aber auch der Klimawandel.

Als Moderatorin Anja Backhaus auf der alten Tribüne der Grafenberger Galopprennbahn den Kongress des Open-Source-Festivals eröffnete, empörte sie sich zunächst: Die Städte würden immer mehr auf Imagekampagnen setzen, in denen Hipster ihre coolen Start-Ups zeigen würden, während Bars, Cafés oder Festivals mit immer mehr Auflagen zu kämpfen hätten. Um dann überzuleiten zu den Leistungen, die Philipp Maiburg und sein Team seit 14 Jahren mit dem Festival vollbringen würden. Maiburg würde nach dem Festival eigenhändig die Zigarettenstummel vom Rasen pflücken, um die Pferde-Rennbahn in gepflegtem Zustand zu übergeben. Das sei nicht selbstverständlich. Nach der Empörung schwenkte Backhaus um auf das vielfältige Programm, mit dem der Kongress in seine letzte Runde ging – und das, wo Maiburg ihn erst letztes Jahr als neues Festival-Format ins Leben gerufen hatte.

Den Kongress eröffnet hat der erfolgreiche Wissenschaftsautor Stefan Klein mit einem multimedialen Vortrag zur Zukunft der Intelligenz. Er trat an, um die Fantasie und Ideen der Menschen gegen die Big Data-Maschinerie zu verteidigen. Klein zeigte ein Foto von der größten Atom-Explosion aller Zeiten auf dem Bikini-Atoll im Pazifischen Ozean, 1954, um zu erklären, dass der Physiker Leó Szilárd seine – leider auch verheerende – Idee zur Atom-Spaltung an einer Ampel-Kreuzung in den Sinn kam. Botschaft: Wir Menschen würden unser Denken an den „Verstand“ der Maschinen anpassen und uns permanent Produktivität abverlangen, wodurch wir unser schöpferisches Denken verlieren würden. Sein Gegenvorschlag: den Träumen, Tagträumen und der Fantasie wieder mehr Raum geben.

Wissenschaftsautor Stefan Klein eröffnete den Open-Source-Kongress mit einem Vortrag über die Zukunft der Intelligenz. Foto: Thomas Frank

Auf einer anderen Bühne stritt sich die Journalistin, Influencerin und Satirikerin Sophie Passmann mit der Erfinderin der Unverpackt-Läden, Milena Glimbovski, darüber, ob sich mit Einkäufen in Biomärkten, dem Erwerb eines Fair-Trade-T-Shirts oder das Nutzen von To-go-Bechern die Welt vor dem Klimakollaps retten lässt. Passmann bezweifelte das, denn im Falle von Fast Fashion gelte es das System zu  hinterfragen, das uns permanent zu dem Verlangen dränge, neue Mode zu kaufen. Die „einzigen Stellschrauben“, an denen sich drehen ließe, seien „nicht zu fliegen und vegan zu essen“. Vorträge, zu denen Passmann mit dem Flugzeug anreisen müsse, sage sie ab.

Christian Herrendorf, Lokal-Chef der WZ in Düsseldorf und Krefeld, befragte die Podcast-Produzentin Maria Lorenz, was gute Podcasts auszeichne. Mit ihrer Firma „Pool Artists“ kreiert sie „Ohrenkino“-Formate wie „Gästeliste Geisterbahn“, „Faking Hitler“ oder „ZEIT Online“. Zu erfolgreichen Podcasts führen viele Wege, gab Lorenz zu verstehen. Zum Beispiel könne man mit einer One-Man-Show erfolgreich sein, wie Dan Carlin, der seinen Geschichts-Podcast „Hardcore History“ über Mongolen-Herrscher Dschingis Khan in fünf mal acht Stunden präsentiert – trotzdem sei der attraktiv, weil Carlin so intensiv erzähle. Der Inhalt sei immer der Chef und: die Podcaster sollten immer authentisch sein, und nicht etwa versuchen auf Teufel komm raus witzig zu sein, wenn sie es nicht seien.

Bis zum späten Abend diskutierten Künstler, Architekten, Designer, Medienschaffende, Wissenschaftler, IT-Experten und Aktivisten über ihre Ideen, Visionen und Utopien für eine zukünftige Gesellschaft. Bleibt zu hoffen, dass Philipp Maiburg den Open-Source-Festival-Congress in einer anderen Form weiterführt.

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