Oksana Lyniv: Kraftvolles Dirigat in der Tonhalle

Kultur : Oksana Lyniv: Kraftvolles Dirigat in der Tonhalle

Bei dem Sternzeichenkonzert am Freitag gab es eruptive Leidenschaft mit Musik des 20. Jahrhunderts zu hören.

Vor einigen Jahre hätte die Rezension des jüngsten Sternzeichenkonzertes in der Tonhalle mit der ukrainischen Dirigentin Oksana Lyniv in etwa so ansetzen können: „Welche Energien in der kleinen Person, die eigentlich etwas sehr Fragiles an sich hat, stecken, verblüfft – das hätte man von einer Dirigentin so nicht erwartet.“ Wie verführerisch treffend dies aufs erste Lesen auch sein mag, so verfehlt ist es, sich mit solch gearteter Attitüde dem Konzert mit Lyniv zu widmen. Wieso? Inzwischen dürfte sich herumgesprochen haben, dass die Frage nach der musikalischen Kraft, der interpretatorischen Stringenz oder auch der suggestiven Energie eines Dirigenten weniger mit dem Geschlecht als vielmehr mit der ganz ureigenen Persönlichkeit zu tun hat.

Die konzentrierte Energie drückt sich auch in ihrem Gesicht aus

Dies alles sei vorweggesagt, um eventuellen Mistverständnissen vorzubeugen. Denn was das Dirigat von Lyniv auszeichnet, ist in der Tat die enorm kraftvolle Präsenz des Klanges, den sie mit einem Orchester zu erzielen vermag. Sie neigt zu hochkonzentrierter Energie, die sich nicht nur in ihren Bewegungen, ihren Gesten und Schlägen – ja es sind manchmal wahrhaftige Schläge –, sondern auch in ihrem Gesicht ausdrückt, um dem Orchester Kräfte zu entlocken, die sie bei einzelnen Passagen zu fordern gedenkt. Leidenschaftlich und zugleich präzise ist ihr Zugang. In eruptiven Stellen fühlt sie sich überaus deutlich mehr zu Hause als bei lyrischer Innerlichkeit. Nicht, dass es ihr nicht gelänge, auch diese Seiten der jeweiligen Werke treffend von dem Orchester zu fordern, doch kann man bei ihr wirklich geisterhaftes Pianissimo oder sanft-melancholische Phrasierungen weniger finden, als es dem einen oder anderen Moment gutgetan hätte. Doch nun zu den Werken, die sie auf ihre unnachahmlich fokussierte Weise formte.

Den Auftakt machte Borys Lyatoshinskys „Tanzsuite aus der Oper „Der Goldene Reif“ – eine Premiere für die Düsseldorfer Symphoniker. Die viersätzige Suite des ukrainischen Komponisten aus dem Jahr 1929 ließ schon deutlich erspüren, in welche Richtung sich Lyniv klanglich orientiert. Aus der farbenreich kolorierten Partitur entlockt sie einen in starken Zügen gezeichneten unumrückbar vor den Augen stehenden Kosmos. Die Symphoniker folgen ihr auf die tänzerische Reise durch Persien, China und Indien, mit sichtlich Freude am ausbrechenden Tongestus. Nur selten hätte man sich etwas mehr Filigranität gewünscht, die auch mal einem lautstarken Tutti mehr Textur verleihen könnte. Doch entschädigt ein stets satter Ton voller hingebungsvollem Klang.

Fünf Sätze voller Erinnerungen an das untergegangene Ungarn

Dieser war auch maßgeblich bei Béla Bartóks Konzert für Orchester, das nicht nur als eine große Zusammenfassung der Komponierkunst des ungarischen Komponisten gelten kann, sondern auch zu den bedeutendsten Meisterwerken der Mitte des 20. Jahrhunderts zu zählen ist. Fünf Sätze, geschrieben im Jahr 1943, voller Erinnerungen an sein verloren gegangenes Ungarn. Bartók erkämpft sich seine kompositorische Kraft im Exil und fügt ein Bild seiner Heimat zusammen, diskutiert dieses aber mit seiner ihm eigenen analytischen durchdachten Art zu komponieren. Geister werden vertrieben, wiederum andere Geister aus seiner karpatischen Seele beschworen, Trauer, ja schreckhaftes Erschaudern, gesellt sich zu vielleicht imaginären Landschaften. Und eine ordentliche Dosis Kampfeslust! Dies alles mit Augenmerk auf die solistischen Fähigkeiten eines Orchesters. Ein Konzert für Orchester also, wobei „Konzert“ in all seinen Bedeutungsschichten begriffen werden kann. Zusammenfügen, Kämpfen, Wetteifern, auch Disputieren, wenn man sich auf das Lateinische stützt.

Die Düsseldorfer Symphoniker und Lyniv formen Bartóks Musik mit reichlich Pathos und Dichte. Sie verstehen die folkloristischen Tönungen treffend zu beleuchten, schwelgen, wo es etwas zu schwelgen gibt, und auch hier wieder spürt man eine  Energie. Doch auch bei Bartók hätte hin und wieder etwas mehr Augenmerk auf das Flüstern in dieser Musik, das nicht selten vorherrscht, noch mehr Größe gezeigt. Zum Glück glaubt Lyniv nicht, dass man Bartóks Musik per se „modern“ zu verklanglichen braucht. Sie weiß um das immer durchscheinende Romantische dieser Phrasen und Harmonien.

Und bei romantisch wären wir auch bei dem Solokonzert des Abends angelegt, bei dem der mit elegantem Ton spielende Oboist Ramón Ortega Quero das Publikum begeisterte. Doch Vaughan Williams‘ Konzert für Oboe und Streicher a-Moll aus 1944 – also nach dem Bartók entstanden – ist harmlos und fast schon naiv. Dennoch treffen die Streicher der Düsys und Lyniv den Ton derart, dass Kitschverdacht ausgeräumt werden kann. Doch wurde dieses ländliche englische Genrebildchen leider von links (Lyatoschynsky) und rechts (Bartók) erschlagen.

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