Buch: Nina Sträters Buch über den Musikverein

Buch : Nina Sträters Buch über den Musikverein

Bürgerliche Musikkultur in Düsseldorf wäre ohne den Musikverein so nicht denkbar gewesen. Nun wurde die Geschichte wissenschaftlich aufgearbeitet.

Gerne nehmen wir das, was man gemeinhin unter musikalischer Hochkultur versteht, als etwas schon immer Dagewesenes hin. Ja „Klassik“ gehört halt zu unserer Kultur dazu und die Idee, dass es so etwas wie Konzerte, Interpreten, Komponisten, die Künstler, ja Stars sind, erscheint uns bisweilen etwas vollkommen Natürliches und Gewachsenes. Doch ist dem nicht so. Das Musikleben, wie wir es in der Hochkultur kennen und aus dem sich so Manches auch die populäre Kultur abgeschaut hat, hat sich erst im Laufe der Zeit um das 19. Jahrhundert herum zu diesem System entwickelt. Hierbei spielte die Entwicklung einer von Bürgern für Bürger gemachten Musikkultur, eines Konzertlebens, das man sich selbst gestaltete, eine zentrale Rolle.

Diese Entwicklung lässt sich am Beispiel des Städtischen Musikvereins zu Düsseldorf exemplifizieren. Dies hat die Germanistin und Musikwissenschaftlerin Nina Sträter auf ganz wunderbare Weise getan. In ihrer Monografie „Der Bürger erhebt seine Stimme – Der Städtische Musikverein zu Düsseldorf und die bürgerliche Musikkultur im 19. und 20. Jahrhundert“ schildert sie einerseits überaus fundiert – mit umfassenden Belegen versehen – die Geschichte des Musikvereins, knüpft aber auch an vielen Stellen generelle Überlegungen zur Entwicklung einer bürgerlichen Musikkultur an. „Dass der Grundcharakter der bürgerlichen Musikkultur nicht zuletzt von Aspekten der Widersprüchlichkeit gekennzeichnet ist, spiegelt sich im Musikverein bis in die heutige Zeit wider“, heißt es im Resümee des Buches. Dabei müssen natürlich zunächst zahlreiche Vorüberlegungen angestellt werden. Was ist Bürgertum, wie lässt sich dieser Begriff eingrenzen, wie hat humanistische Bildung die Vorstellungen von Menschen, was Musik bewirken solle, was es für eine Stadt bedeute, geprägt?

Andererseits setzt Sträter in ihrem Werk auch ganz unmittelbar an den geschichtlichen Fakten an. Musikalisches Vereinswesen im frühen 19. Jahrhundert war Neuland, betont sie, es gab kaum Erfahrungswerte. Doch dennoch gelang es dem Musikverein innerhalb von wenigen Jahren ein eigenes städtisches Musikleben zu organisieren.

Tatsächlich wird der Musikverein erst 2019 200 Jahre alt

Bei den Forschungen über die Anfänge des Vereins indes ist Sträter auf eine kleine, aber erwähnenswerte, Besonderheit gestoßen. Der Musikverein feierte ja 2018 sein 200-Jähriges, doch ergaben ihre Forschungen, erzählte sie uns, dass der eigentliche Städtische Musikverein erst ein Jahr später wirklich gegründet wurde. Ein offizielles Statut der Stadt erhielt man 1822. Es kam wohl bei der „Geschichtsschreibung“ des Vereins gewisse Verwechslungen, es gab nämlich auch einen Niederrheinischen Musikverein, der schon zuvor gegründet worden ist. In diese Zeit fällt auch das erste Niederrheinische Musikfest.

Es werden große Ereignisse in der Düsseldorfer Musikgeschichte, die ja großteils deckungsgleich mit der Vereinsgeschichte ist, festgehalten und analysiert. So etwa Mendelssohns Zeit in Düsseldorf – es waren nur 18 Monate – oder Schumanns hiesiges Wirken zwischen 1850 und 1854. Letzterer war übrigens nicht bei der Stadt angestellt, er war Angestellter des Musikvereins und somit nicht „Städtischer Musikdirektor“.

Dies gilt auch für seinen Vorgänger Ferdinand Hiller, er stand dem Musikverein musikalisch zwischen 1847 und 1850 vor. Auf Grund von Querelen gab es über 30 Jahre keinen Städtischen Musikdirektor in Düsseldorf. Brahms, den man zwar zwischenzeitlich anfragte, lehnte dankend ab. Es gab wohl zu viele Intrigen, auf die er sich 1874 nicht einlassen mochte.

Natürlich behandelt Sträter auch die Zeit des Nationalsozialismus. Hier gibt es auch einige neue Erkenntnisse. Auch wenn man „nur ein Chor“ oder „nur ein Musikverein“ gewesen sei, so Sträter, habe man als Mitgestalter musikalischen Lebens sehr wohl politischen Einfluss ausgeübt, etwa durch die Auswahl des Repertoires. „Musik ist somit nie unpolitisch“, sagt uns die Autorin.

Das Buch, das bei V & R unipress erschienen ist, behandelt aber auf den 350 Seiten auch die Entwicklungen nach dem Krieg bis in die jüngste Vergangenheit.

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