Sammelband über Düsseldorfs berühmtes Künstlerpaar Ehe zwischen Kunst und Dichtung

Düsseldorf · Das Buch „Allein und zu zweit“ bietet kluge Texte zu Leben und Werk zweier namhafter Düsseldorfer: des Malers Ulrich Erben und der Autorin Ingrid Bachér.

Engagiert und aufgeschlossen: der Künstler Ulrich Erben und die Schriftstellerin Ingrid Bachér.

Engagiert und aufgeschlossen: der Künstler Ulrich Erben und die Schriftstellerin Ingrid Bachér.

Foto: Alexander Vejnovic

Seit mehr als 50 Jahren sind der in Düsseldorf geborene, am Niederrhein und in Rom aufgewachsene Maler Ulrich Erben (83) und die in Rostock geborene, in Berlin aufgewachsene Schriftstellerin Ingrid Bachér (93) ein Paar. Gemeinsam haben sie zwei Söhne und zahlreiche Interessen, vor allem das Interesse an der Arbeit des jeweils anderen, an Gesellschaft und Politik. Ein soeben erschienenes Buch lässt Bachér und Erben zu Wort kommen, in Gesprächen, in Beobachtungen und Reflexionen von Autoren, die den beiden nahestehen, und nicht zuletzt in Bildern.

Der Titel des von Karl Heinz Bonny herausgegebenen Bandes entstammt einem Interview von Jens Prüss mit Ingrid Bachér. Auf die Frage, was das Familiäre in ihrem Leben mit Ulrich Erben bedeutet, antwortet sie nicht nur „Jeder ist allein und zu zweit“, sondern „auch zu dritt, zu viert und zu fünft“. Manchmal, so fügt sie hinzu, sei „Familie anstrengend, aber immer grandios an den Möglichkeiten, Erfahrungen, Erkenntnisse und Liebe zu gewinnen, tätige Liebe, die nicht rechnet, sondern weitergegeben wird“.

Beide haben immer wieder auf Impulse der Gegenwart reagiert

In dieser Atmosphäre also sind in Jahrzehnten ein großes künstlerisches und ein großes literarisches Werk herangereift. Gemeinsam ist beiden, dass sie nicht stehengeblieben sind, sondern immer wieder auf Impulse der Gegenwart reagiert haben. Ulrich Erben griff in einem Bild die rechtsextremen, rassistischen Ausschreitungen des Jahres 1991 im sächsischen Hoyerswerda auf und in jüngster Zeit den Krieg gegen die Ukraine, Ingrid Bachér ist im Sammelband vertreten durch einen siebenseitigen Text zum gleichen Thema: „Es trifft uns der Tod. Notizen zum Krieg in der Ukraine“. In ihrer klaren Diktion schreibt sie: „Ein Krieg muss zum Frieden führen. Nun gab es zum ersten Mal ein Gespräch zwischen ukrainischen und russischen Vertretern der Regierungen. Sie trafen sich, ohne dass die eine Seite der anderen einen Kompromiss anbot. So kann es nicht zum Frieden kommen.“

In getrennten Interviews lassen Bachér und Erben ihr Leben Revue passieren. Bei Erben beginnt es im kriegszerstörten Düsseldorf und setzt sich in Kempen fort, „in der mir endlos erscheinenden Landschaft, die ich mir, mit dem Fahrrad unterwegs, im Skizzenblock zeichnend zu eigen machte“. Bachér beginnt mit der Kindheit in Berlin und Lübeck.

Reproduktionen von Bildern, literarische Texte und Selbstauskünfte der beiden füllen einen Großteil des Buches. Darüber hinaus kommen Autorinnen und Autoren zu Wort, die sich mit Ingrid Bachérs und Ulrich Erbens Werk befasst haben. Heinz Liesbrock, ehemals Direktor des Museumszentrums Quadrat in Bottrop und davor unter anderem freiberuflicher Kunstrezensent, spürt in Erbens Bildern den „Ordnungen des Sichtbaren“ nach, der Farbe als Ausdrucksträger in diesen nur scheinbar ungegenständlichen Werken. Thomas Hirsch umreißt die Bedeutung der Geburtsstadt Düsseldorf für Erbens Schaffen und befindet: „Er wurde nicht vom hiesigen Milieu geprägt“, hat dort auch nicht studiert. Zwar wurde er in Düsseldorf als Professor an die Kunstakademie berufen, gelehrt hat er allerdings an deren damaliger Außenstelle Münster: „Und Szenegänger oder einer, der viel auf Vernissagen anzutreffen ist, ist er ohnehin nicht, auch wenn er die befreundeten Künstlerkollegen im Auge behält.“ Über Ingrid Bachérs Kunst des Schreibens äußert sich Kulturredakteur Lothar Schröder am Beispiel des lange Zeit verschollenen Romans „Robert oder Das Ausweichen in Falschmeldungen“ von 1965. Im Mittelpunkt steht ein junger Journalist, der mit seiner Schwester und seinen Eltern in Berlin lebt und ständig Falschmeldungen produziert. Ein Kriminalfall kommt hinzu, vieles bleibt im Unklaren. „Ein dröhnendes Schweigen legt sich über die gesamte Handlung“, schreibt Schröder. Der Roman entstand in der Zeit der Auschwitz-Prozesse.

Ingrid Bachér ist seit je eine politische Zeitzeugin. Das belegt Dorothee Krings, politische Redakteurin, anhand des Lebenslaufs. Unter anderem erinnert sie an Bachérs kurze Amtszeit als Präsidentin des westdeutschen Pen-Zentrums. Damals entbrannte ein in der Öffentlichkeit stark beachteter Streit darum, ob der Pen West sich mit dem Pen Ost erst dann vereinigen dürfe, wenn der Ost-Club seine eigene Geschichte aufgearbeitet hat. Für Bachér war das wichtig.

Auch mit Blick auf Bachérs Erleben des Nationalsozialismus fasst Dorothee Krings zusammen: „Tätig werden, Position beziehen, weil bedenkliche Entwicklungen in der Gegenwart es verlangen, das ist der wiederkehrende Antrieb der engagierten Bürgerin Ingrid Bachér.“ Dafür hat sie immer wieder um Mitstreiter geworben. Insgesamt hat mehr als ein Dutzend Autorinnen und Autoren zum Gelingen des Buches beigetragen. Weit über das Porträt eines künstlerisch-literarisch eng verbundenen Ehepaars hinaus ist eine persönliche, höchst lebendige Geistesgeschichte der Nachkriegszeit entstanden.

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