Interview: „Mit Don Karlos kann ich mich freispielen“

Interview : „Mit Don Karlos kann ich mich freispielen“

Der junge Schauspieler Jonas F. Leonhardi verkörpert die Titelrolle in Schillers Drama am Schauspielhaus Düsseldorf. 

Er geht auf Menschen zu. Ist gut drauf und begegnet den Menschen mit einem offenen Lachen. Jung, unverbraucht und frisch, aber auch nachdenklich wirkt Jonas Friedrich Leonhardi , der mit 28 zu den Jüngsten im Ensemble des Schauspielhauses zählt, mit von der „Sandmann“-Partie war, als die Robert-Wilson-Inszenierung kürzlich eine Woche lang in Shanghai gastierte. So jung und fast ein „alter Hase“, der, neben einigen Fernsehauftritten, bereits vor sechs Jahren im Dresdner Staatsschauspiel wichtige Rollen spielen durfte. Unter Intendant Wilfried Schulz, der den in Oschatz, im Herzen von Sachsen, geborenen Schauspieler 2016 mit an den Rhein brachte. Derzeit bereitet sich Leonhardi auf eine große Titelrolle vor – in Schillers „Don Karlos“, in dem er als Sohn des spanischen Königs Philipp II. für seine Liebe und gegen die Übermacht des Habsburger Hofes zu kämpfen hat. Premiere ist am 14. Dezember. Nach einer Probe mit Regisseur Alexander Eisenach sprachen wir mit ihm.

Wie fühlen Sie sich in Düsseldorf?

Jonas F. Leonhardi: Als Ostler? (er lächelt). Da musste ich mich an die Stadt erst einmal gewöhnen. An die Architektur und den vielen Platz, den Autos, Business und Industrie einnehmen. In Kneipen sprechen die Leute viel über Geld und Konsum. Es ist zwar rheinisch hier, aber anders als in Köln. Die Menschen hier sind zurückhaltender. Das hängt vielleicht mit den vielen Geschäftsleuten zusammen.

Was schätzen Sie hier?

Leonhardi: Es gibt wenig Vorurteile. Und verschiedene Kulturen leben so selbstverständlich neben- und miteinander. In Dresden gibt es da mehr Hürden.

Haben Sie eine Lieblingskneipe?

Leonhardi: Wir gehen gern ins Billard Forum.

Wie sind Sie zum Schauspiel gekommen?

Leonhardi: In der Schule war ich sehr zurückhaltend. Es war das gute Gespür meiner Mutter, die mir sagte: „In dir steckt mehr, als das, was du zeigen kannst. Mach Theater oder spiel’ in einer Band!“ ich habe dann in einigen Jugendclubs gespielt und mich sehr frei gefühlt. Und drehte mit 17 meinen ersten Film „Harry“ für den MDR.

Gab’s nach dem Abitur eine Berufs-Alternative?

Leonhardi: Ja, meine zweite Option war: Lehrer. Aber als ich einen Studienplatz an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig bekommen habe, war die Entscheidung klar.

Sie sind gebürtiger Sachse. Das hört man gar nicht mehr.

Leonhardi: (Er lacht) Sächsisch – das war mal mein wunder Punkt. Ich fühlte mich dadurch angreifbar. Ich habe das sehr früh abgeschliffen.

In Düsseldorf waren Sie bereits erfolgreich in „Der Sandmann“, in „Nathan to go“, „Terror“ etc. Und nun der Don Karlos? Eine Wunschrolle?

Leonhardi: Ja, (er strahlt). Die Rolle ist ein Hammer. Das Stück ist so intensiv. Nach dem Tod seines Freundes Marquis Posa räumt Don Karlos mit allen auf. Besonders in dem großen Monolog gegen den Vater Philipp II.

Ist er nicht ein langweiliger, schwacher Typ, ein Spielball des stärkeren Marquis Posa?

Leonhardi: Nein. Er ist stark. Auch wenn Posa ihn benutzt, Größe in ihn hinein projiziert. Karlos hat natürlich etwas Gefühliges, vielleicht Naives. Aber das entspringt sehr starken, klaren Idealen: Liebe über alles. Nicht nur zu Elisabeth, (der zweiten Frau seines Vaters). Daraus erwächst etwas, das weiter geht als Freiheit und Gleichheit: Brüderlichkeit.

Wie fühlen Sie sich jetzt als Don Karlos?

Leonhardi: Jetzt kann es für mich eine Rolle sein, um mich frei zu spielen, um Sphären zu entdecken, die ich mir sonst nicht zutraue.

Wie meinen Sie das?

Leonhardi: Dieser Schiller-Text ist gebaut wie eine Wasser-Rutsche (er schmunzelt). Wenn man sich in die Kurve legt und auch noch die richtige Badehose trägt, dann kann man fliegen. Vielleicht kann man den Text auch mit einer gut präparierten Skischanze vergleichen: Wenn du dich in die Loipe legst und den Absprung nimmst, dann kannst du fliegen. So geht es mir zumindest in der ersten Vater-Sohn-Szene, in der es um Versöhnung und Flandern geht.

Sind Sie ein Arbeitstier?

Leonhardi: Jein. Natürlich, wenn ich mich auf eine so herausfordernde Rolle vorbereiten muss, dann wühle ich wochenlang im Text. Aber das kann ich nicht immer machen. Ich brauche danach Abstand.

Wo finden Sie den?

Leonhardi: Zu Hause, bei meiner Familie (Vater: Pfarrer) und vier Geschwistern. Sie bringen mich schnell wieder auf den Teppich. Da schaff’ ich es, mich vom Theater zu lösen. Oder ich fahre allein weg.

Und wie vermeiden Sie, dass Sie ein verkopfter Typ werden?

Leonhardi: Ich geh’ laufen, fahre stundenlang mit dem Fahrrad am Rhein oder mache Musik.

Hat der neue Düsseldorfer „Don Karlos“ eine Wunschrolle?

Leonhardi: Ich möchte mal eine richtig gute Komödie spielen.