Serie zur Uraufführung: Mit der Sopranistin bei der Probe

Serie zur Uraufführung : Mit der Sopranistin bei der Probe

Serie (3) zur Uraufführung Wir begleiteten Lavinia Dames bei Vorbereitungen zu „Schade, dass sie eine Hure war“.

Sopranistin Lavinia Dames verwandelt sich in ihre Rolle, eine verzweifelt, ihren Bruder innigst liebende Zwillingsschwester. Diese Liebe geht jedoch über die bloße gewöhnliche Geschwisterliebe hinaus, sie wird von ihrem Bruder schwanger werden.

Wir befinden uns in den Vorbereitungen zu der HPO — Hauptprobe mit Orchester — von Anno Schreiers neuer Oper „Schade, dass sie eine Hure war“, in der die mit einer lyrisch-weichen Stimme gesegnete Sopranistin Dames die „Annabella“ verkörpert. Im Opernhaus Düsseldorf herrscht konzentriertes Treiben. Schreiers Oper wird hier zum ersten Mal mit Maske, mit Kostümen, Bühnenbild, allen Details, allen Sängern und zugleich dem vollen Orchester unter der Leitung von Lukas Beikircher erklingen. Sozusagen erleben wir an diesem Vormittag die eigentliche, wirkliche, der Premiere vorangehende, Geburt des Werkes.

Die Geschichte ist komplex, doch in ihren Grundzügen schnell erzählt: Die Zwillinge Giovanni (Jussi Myllys) und Annabelle lieben sich, doch die Gesellschaft steht ihren inzestuösen Neigungen entgegen. Es gibt Intrigen, Überraschungen, großes Theater mit vollem saftigen Impetus. Dennoch, trotz der Anspielungen auf unterschiedliche Zeit- und Epochenebenen, ist die Oper wie aus einem Guss, sowohl musikalisch als auch inszinatorisch.

Während Dames zu Ende geschminkt wird, haben wir Gelegenheit, mit ihr zu sprechen, wenngleich dies eine besondere Ausnahme ist, denn Stimmen müssen vor Aufführungen geschont werden. Doch sie ist erfrischend unkompliziert. Dames fand übrigens schon früh zum Operngesang und die junge Sopranistin — sie ist 1990 geboren — gehört seit der Spielzeit 2014/15 zum festen Ensemble der Rheinoper.

„In der Maske zu sitzen, hat fast etwas Meditatives“, sagt sie, und lässt sich geduldig die rothaarige Perücke auf dem Kopf befestigen. Hier muss noch eine Strähne festgezurrt, dort eine Haarnadel im Schopf versenkt werden. Das kunstvolle Haar muss viel aushalten: Dames wird sich bewegen, singen, sogar mit Wasser in Berührung kommen. Alles mit dem Ziel, ihre Rolle perfekt zu verkörpern, für die wenigen Stunden zu Annabella zu werden.

Der Titel der Oper ist in vielerlei Hinsicht irreführend

Nachdem ihr Bühnen-Make-up sitzt, zieht sie sich kurz zurück. Fokussiert sich, lässt sich kostümieren, „in einen exklusiven schönen Schlafanzug“, beschreibt Dames. „Ich zentriere mich vor dem Auftritt, um im Hier und Jetzt zu sein – um bei mir zu sein“, schildert sie die Minuten vor dem Auftritt. Lampenfieber in dem Sinne habe sie nicht, doch sei man in einer „Spannung“, die helfe hochkonzentriert zu sein. „Sobald man in der Situation ist, ist alles verflogen. Dann bin ich Annabella auf der Bühne und nicht Lavinia hinter der Bühne“, sagt sie.

„Der Titel der Oper ist schon etwas irreführend. Annabella ist keine Hure, sie ist nur unglücklicher Weise in ihren Bruder verliebt“, sagt Dames zur ihrer Rolle und ergänzt: „Letztenendes betitelt die Gesellschaft sie als Hure, weil sie schwanger von ihrem Bruder ist.“ Annabella sei eigentlich eine starke Person, weil sie den Umständen trotzen möchte. Wenngleich die harte Gesellschaftkritik, die sich im Original von John Ford findet, hier weniger prägnant sei.

Während sie sich vorbereitet, setzen wir uns in jenen neuralgischen Bereich der Hinterbühne nah am Inspizientenpult. Die Bühne verrät, hier werden inszenitorische Stile miteinander bewusst gemischt, der Blick in die Hinterbühne wird in vielen Teilen des Abends offen bleiben. Umbauten sollen sichtbar, das Geschehen hinter der Bühne erlebbar sein. Offen bleiben Fragen in Bezug auf Schreiers Musik jedoch weniger. Denn hier spielt Musik, die Tiefe, Humor, Energien und zugleich eine sehr homogone Stilsprache miteinander verbindent. Sie ist perfekt geschaffen, um Sängerisches und Orchestrales zu einem Großen und Ganzen zu vereinen. Die Singstimmen sind so beschaffen, dass man spürt, Schreier weiß, was Stimmen und vor allem Stimmfächer leisten können. „Es singt sich extrem angenehm“, sagt Dames. Schreier verwende viele Dinge, die in einer Oper sehr gut funktionieren.

Dames’ Auftritt steht bevor, sie wartet am Rand der Bühne auf jenen Moment, in dem alle Vorbereitungen münden, jenem magischen Moment, in dem eine Sängerin oder ein Sänger hinaustritt, in die Kulisse geht und den ersten Ton singen wird. Tage, Wochen, ja Monate der Vorbereitung kulminieren in jenen Augenblicken. Wo ist meine Position, welche Geste ist hier und dort zu machen, der Musik folgen, den Einsatz perfekt treffen – all dies spielt ineinander. Dames spielt mit Esprit, ihre Stimme strahlt und die erste Szene entfaltet sich. Ein übergroßer Fliegenpilz, der sich in die Höhe heben lässt, dient als Balkon für den Ort der leidenschaftlichen Begegnung ihrer Rolle mit ihrem Rollenbruder. Dames wird mit dem Pilz in die Höhe gehoben werden — doch sie habe keine Höhenangst, erzählt sie. Kulissen werden geschoben, Sänger haben ihren Auftritt, verschwinden wieder in die Tiefen der Unterbühne.

Wenn man Dames von der Bühnenseite beobachtet, spürt man, welche Energien sich durch ihren Geist in ihren Körper und ihre Stimme entfalten, um so auf den Punkt zu sein. Gelenkte Energien sind es, die Gesang auch eine teils spirituelle Ebene geben können. Und diese ist mehr erfühlbar als beschreibbar, so wie der Zauber einer neuen Oper überhaupt. Deshalb kann am Ende unserer Serie nur die Empfehlung stehen: Lassen Sie sich von diesem Werk, den Sängern, dem Chor, den Musikern verzaubern, es wird sich lohnen!

Für die Premiere am Samstag um 19.30 Uhr am Opernhaus Düsseldorf gibt es noch Karten. Infos auch zu weiteren Vorstellungen online.

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