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Marius von Mayenburg inszeniert "Linda" am Düsseldorfer Schauspielhaus

Deutsche Erstaufführung : Quälendes Stück über Karrierefrau am Wendepunkt ihres Lebens

Deutsche Erstaufführung im Schauspielhaus: Marius von Mayenburg inszeniert Penlelope Skinners „Linda“ und vergisst, dass es sich dabei nicht um Weltliteratur, sondern gehobenes Boulevardtheater handelt.

Linda ist eine richtig starke Frau. Nahezu perfekt. Scheint zumindest so. Mit Mitte 50 auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, hat sie mal wieder Erfolg mit einem Spitzenprodukt gegen das Altern. Zudem ist Madame Herrin im eigenen Haus und beherrscht ihre Familie, samt Ehemann Neil und den Töchtern Alice und Bridget. Schlank, schnell entschlossen und ungeduldig eilt sie von einem zum nächsten Termin. Einziges Problem. Ihr schlechtes Gewissen, als Mutter nicht auch perfekt zu sein. Und jetzt noch das: Eine jüngere Generation drängt in ihre Führungsposition. Und Linda spürt, dass auch ihr Mann jüngere Frauen attraktiver findet und ihnen hinterher schaut. Doch auch hier lässt Linda nicht locker: Sie kämpft und kämpft, mit fairen und unfairen Mitteln, bis zum bitteren Ende. Und verliert schließlich fast alles.

Linda ist eine tragische Antiheldin, die ins Wanken gerät

Einen Top-Job in der Kosmetikbranche, einen Ehemann, der zwar von seiner Geliebten zu ihr zurückkehrt – aber nur halbherzig. Und ihre Lieblingstochter Alice, die sich mit dem Esoterik-Freak Luke aus dem Staub macht und heimlich mit ihm nach Bali aufbricht. Eine tragische Antiheldin ist diese „Linda“, deren makelloses Bild durch hässliche Risse nahezu entstellt wird. Sie gerät ins Wanken und stürzt in sich zusammen – die Frau, die Penelope Skinner zur Titelfigur ihres gleichnamigen Theaterstücks machte. 2016 im Londoner Royal Court Theatre uraufgeführt, und jetzt erstmals in deutscher Sprache zu erleben – im Kleinen Schauspielhaus.

In einer Inszenierung von Marius von Mayenburg, der sich nah am Original der britischen Feministin zu orientieren scheint, dabei aber weder Mut noch Entschlossenheit zum Kürzen und scharfen Konturen zeigt. Stattdessen bläht er den Abend mit vier Songs auf – denn Lindas Mann Neil will sich als Rocksänger versuchen. Knapp drei Stunden dreht sich in von Mayenburgs spröder Regie diese Linda im Kreis, quält sich, ihre Familie, ihren Chef Dave, ihre Rivalin Amie und letztlich einen Großteil der Zuschauer. Vor lauter Ehrfurcht vor der Autorin vergisst von Mayenburg (selbst erfolgreicher Autor einiger Romane), dass dies keine Weltliteratur, sondern nicht mehr als gehobenes Boulevardtheater über gängige Klischees von Frauen-Schicksalen mit unvermittelt melodramatischem, wenig überzeugendem Ausgang ist. Das Genre erfordert Zuspitzung und immer wieder: Tempo, Tempo, Tempo. Sonst verpuffen, wie hier, die Pointen und spitzzüngigen, selbstironischen Kommentare der Karrierefrau am Wendepunkt ihres Lebens.

Claudia Hübbecker wirft sich mit Haut und Haaren in diese Rolle, zieht alle Register, mal treusorgende Mutter, mal schneidend fauchende Business-Hyäne. Hübbecker macht glaubhaft, wie ihr Lebenskonzept Stück für Stück in sich zusammenbricht. Sie steigert sich so in die Rolle, dass sie die anderen fast an die Wand spielt. Bis auf Wolfgang Michalek als zynischer Boss, der mit der jungen Amy frisches Blut in seinen Kosmetik-Konzern pumpen will. Und natürlich Lea Ruckpaul als neurotisch verstörte Alice, die mehr als nur auf „angry young woman“ macht. Alice, einst hochbegabt und mit besten Aussichten auf Eliteschulen,  wurde als Mädchen Opfer eines Internet-Shitstorms. So rotzlöffelt sie immer noch, auch mit 25 Jahren, läuft in Katzenkostüm herum und nervt ihre enttäuscht frustrierte Mutter, die einst die größten Hoffnungen in ihre älteste Tochter gesetzt hatte.

Dass Amy – die Konkurrentin der Mutter – mit dieser Alice zur Schule ging und sich damals an dem Cyber-Mobbing beteiligte, wirkt konstruiert. Unbeholfen – so kommt es zumindest über die Rampe. An Hübbeckers schönen, langen Haaren herbeigezogen ist auch die überraschende Wendung, dass Linda (also Hübbecker) von dem Praktikanten Luke (Chris Eckert) aus lauter Bewunderung (für die Chefin) verführt wird. Letzterer macht von diesem Besenkammer-Sex ein eindeutig zweideutiges Selfie: Es wird manipuliert, ins Netz gestellt und an viele Adressen weitergeschickt von Lindas Gegenspielerin Amy, die mit Luke offensichtlich auch ein Verhältnis gehabt hat und somit Linda treffen will. Ein Foto, das für Linda dann fatale Folgen haben soll.

Schwachstellen von Skinners Vorabendserien-Plauderei wie diese vermag von Mayenburgs Regie nicht auszuwetzen. Trotz der gut be- und ausgeleuchteten Tableaus (Stéphane Laimé) und manchmal grotesken Requisiten, wie das Riesen-Teddybär-Bett (in dem die erwachsenen Alice und Bridget wieder zu Kindern werden).

Fazit: Überlänge und schleppendes Tempo passen nicht zu dem relativ seichten Stoff. Vielleicht hätte eine Regisseurin Mut zu anderen Akzenten gezeigt. In manchen Szenen brillieren aber, wie üblich, eine Reihe von Darstellern, allen voran Claudia Hübbecker.

15., 25. Nov, 1., 7., 25. Dez., 3. Jan. Tickets: Tel. 36 99 11.

www.dhaus.de